Die Stadt hinter dem Strom

Jemand erwähnte »den Jenseitsroman ›Die Stadt hinter dem Strom‹«. Kannte ich nicht, und klar, musste ich lesen. Autor: Hermann Kasack (1896-1966), nach dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Mann (heute vergessen). Großes Werk.   

Wie konnte ich diesen Roman verpassen? Man kann ihn heute noch gut lesen, die gewählte, altertümlich anmutende Sprache steht ihm. Jüngere Leser würden in ihm eine Science-Fiction-Geschichte sehen über eine Welt der Zukunft, wie man sie uns oft schon ausgemalt hat: alles verwüstet; hungrige und traurige Menschen; Ratlosigkeit; und eine ferne, strenge Verwaltung, eine düstere Weltregierung.

tz030-04tz030-13Robert, ein deutscher Wissenschaftler, fährt mit dem Zug über den Strom und steigt aus. Er hat den Jenseitsfluss überwunden. Oft kommt ein Mensch mit der Eisenbahn in die andere Welt – wie etwa der Protagonist der Episode A Stop at Willoughby aus der US-Serie Twilight Zone 1961. Robert sieht gleich seine Geliebte Anna. Doch er hat einen Job: Er wird der Archivar und Chronist der Stadt (oder dieser Welt) sein, er wird Befugnisse haben und wichtig sein. Ein Privileg. Es gibt unterirdische Gänge, in denen Menschen hausen, es gibt Straßen voller Ruinen und das Archiv im Alten Stadttor, wo Robert arbeiten wird.

Er hat Helfer, und im Archiv arbeiten auch weise Männer. Der Hohe Kommissar kommuniziert von fern mit ihm. Doch Robert versteht diese Welt nicht. Wo ist er da hingeraten? Zum Glück trifft er Anna, die ihn wie früher »Rob« nennt, und ihre Liebesgeschichte beginnt von neuem.

Robert trifft seinen Vater und alte Freunde, die, wie er meint, längst gestorben sind. Aber erst in der Liebesnacht mit Anna begreift er: Es ist die Stadt der Toten. Sie liegt wie eine Statue in seinem Arm, und ihm wird kalt. Der Chronist trifft später Soldaten aller Länder und aller Epochen und erfährt: Sie sind nach dem Tod in diese Welt geraten, in der sie kurz Aufenthalt nehmen; die Sekunde des Sterbens hat jeder mitgekriegt, und nun ist er eine Weile in ein Zwischenreich verbannt, das Bardo (der Tibeter) oder den Limbus, den Vorraum der Hölle der Katholiken.

affoltern

Geschrieben hat Hermann Kasack sein Buch während des Krieges, unter dem Eindruck der sinnlosen Tode und Morde, die zu Millionen zählten. Er arbeitete für den Suhrkamp-Verlag und prägte den Ausdruck »innere Emigration«. Damals brach die Apokalypse über die Welt herein, es schien keine Zukunft zu geben.

DSCN2531Irgendwie dürfen die Seelen dann weiterwandern, wenn sie ihre Lage erkannt haben. Wir wissen von Medien und aus dem Spiritualismus, dass viele Gestorbenen ihren Tod nicht realisieren; sie müssen sich erst ihrer Lage klarwerden und begreifen, dass es noch weitere, schöne Welten gibt. Die desolate Landschaft der Stadt hinter dem Strom entspricht der Verzweifkung derer, die ihr Leben verloren haben. Wir werden zunächst eine Welt unserer eigenen Projektion erleben (wie sie auch das Tibetische Totenbuch darstellt), bis wir einsehen mögen, dass die Erlösung aus eigener Kraft zu schaffen ist: durch Optimismus und Hoffnung auf das überirdische Licht. Robert darf wählen. Bleiben oder zurückgehen (vorübergehend)? Er möchte Anna gern mit zurücknehmen, doch so einfach ist das nicht. Die Liebesgeschichte war schön, doch in jener Welt geht es um andere, größere Dinge. Robert hat nun verstanden. Er steigt wieder in einen Zug.

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