Vier Wochen später

Vor vier Wochen, am 23. April, brach in Bangladesch ein Fabrikhaus zusammen. Nun weiß man, dass über 1000 Menschen starben, meist Frauen. Das war Femminicidio! Die Polizei hatte das Gebäude, das tiefe Risse aufwies, sogar gesperrt, doch die verbrecherischen Fabrikbesitzer sprengten das Siegel und ließen die armen Frauen arbeiten, für 30 Euro in der Woche oder im Monat, und dann schlug die halbtote Ruine sie auch noch tot.

 Es wurde noch einmal berichtet, dass eine Frau nach 17 Tagen gerettet werden konnte, aber sonst begnügte man sich mit zwei oder drei Berichten pro Medium. Bangladesch interessiert eben nicht. Aber 1000 Tote! Man will da nicht mit Zahlen argumentieren, aber was könnte denn überhaupt aus Bangladesch interessieren, wenn nicht ein Unglück mit tausend Toten? Der ARD-Korrespondent sagte ein paar hilflose Sätze, die mit dem jämmerlichen Fazit endeten, nun werde mehr Kontrolle bei den Textilfirmen gefordert werden, aber nichts werde geschehen. Die Aufsager aller Korrespondenten sind von einer Armseligkeit, die ihresgleichen sucht. Es wirkt immer, als hätten ihre schulpflichtigen Kinder sie formuliert. Fernsehen ist eben ein Medium für einfache Menschen (denken die Fernsehleute). 

Mittelbar sind wir, die wir Vier-Euro-T-Shirts kaufen, an diesem Unglück schuld. Das wäre nun eine Chance gewesen, alles anders zu machen, wenn einer oder eine an verantwortlicher Stelle Mut und Charakter hätte. Aber die Welt läuft so, wie sie läuft, und ich höre die Worte der Chefredakteure: »Bangladesch interessiert doch nicht.« Vor 30 Jahren beklagten sich in der Journalistenschule schon Korrespondenten, dass man in der Heimatredaktion immer dasselbe hören wolle: Whiskyproduktion aus Schottland, die Königin aus England, den Papst aus Rom, wenig aus Afrika und Asien.  

Die Korrespondenten sind natürlich engagiert und ehrgeizig, aber man macht ihnen aus der Zentrale schnell klar, was geht und was nicht. Und nach zwei Jahren sitzt in Neu-Delhi ein frustrierter, zynisch gewordener Korrespondent (oder eine Korrespondentin). Wer Journalist werden will, sollte sich keinen Illusionen hingeben. Alles läuft nach Plan, wie es seit Jahrzehnten läuft. Der Journalist ist ein Diener der herrschenden Klassen.   

2 Kommentare zu “Vier Wochen später”

  1. Rolf Hannes

    Lieber Manfred,

    bravo bravo! Du wirst ja politisch. Fürs Leben korrekt, für die Politik unkorrekt. Political correctness sollte ein Schimpfwort werden. Aber alle diese Plattärsche in Politik und Wirtschaft achten stets auf Political Correctness, oh, das ist ihre größte Sorge, sie würden am liebsten noch Gästinnen sagen. Die Gästinnen im Fernen und Nahen jedoch, die sich für unsre politisch korrekten Plattärsche (und -ärschinnen) kaputtarbeiten, gehen ihnen an ihren Plattärschen vorbei. Die kommen oft nur in Sonntagsreden vor und in politisch korrekten Nachrichten. Und, nebbich, bei unseren verlogenen Hilfsorganisationen, die für ihre Pöstchen sorgen.

    Krieg den Palästen ruf ich mit Büchner.

    Gruß
    Rolf

  2. Renate Frank

    Großartig, Manfred, einfach großartig! Grade hatte ich noch einen ganzen Wortschwall im Kopf, den ich hinzufügen wollte. Aber es ist völlig unnötig. Du hast alles gesagt. Bravo!

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