Niklaus Meienberg

Im Kulturraum am St. Galler Klosterplatz ist noch einen Monat lang, bis zum 29. September, die Ausstellung Warum Meienberg? Pourquoi Meienberg? zu sehen. Wer war Meienberg? Muss man ihn kennen? (Kürzlich fragte mich eine junge Psychologin: »Sie sind also Autor? Muss man Sie kennen?« Was sagt man darauf?)

Wir hatten ja dieses 100 Jahre alte Häuschen im Osten von St. Gallen in der Ostschweiz (im Osten des Ostens), und ein paar Straßen weiter erstreckt sich hoch zum Berg die Grossackerstrasse, und da kam am 11. Mai 1940 Niklaus Meienberg zur Welt, und er erzählte, um die Geburt zu beschleunigen, sei seine Mutter mehrmals die schier endlose »Stiege« zur Speicherstrasse hochgegangen und hinunter. Alles ging gut.  

Meienberg ist einer der berühmtesten St. Galler. Er schrieb bald hervorragende Reportagen und machte sich einen Namen. Er war bei der Neuen Zürcher Zeitung, bei der Weltwoche, 1982 für ein Jahr Leiter des Pariser Büros des »Stern«, und er war immer ein kämpferischer, flammender Linker, wenn man das so sagen kann, der natürlich in der verzopften Schweiz der 1970-er und auch der 1980-er Jahre einen schweren Stand hatte. Er war ein brillanter Schreiber und hatte keine Angst vor heißen Themen, verursachte viele Skandale, aber durch seine Artikel veränderte er auch das Geschichtsbild und das Weltbild der Eidgenossen.  

Links M.s Presseausweis zum Papstbesuch 1984

Er legte sich mit allen an und hieß immer »unbequem«. Er stieß berühmte Männer vom Sockel, hinterfragte die Schweizer Politik, arbeitete die Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg auf, und immer wieder versuchte man, ihn kaltzustellen. Im Klosterraum sieht man eine Leinwand, auf der ein Video abläuft, dann seine Bücher, eine Installation mit Details aus der Kindheit (seine Stimme ist zu hören), die eine oder andere Fläche an der Wand mit Zitaten von ihm, aber eigentlich kommt es einem etwas dünn vor. Museumsleute sind ja immer stolz auf ihre neuen »Medien«, und so stehen da fünf Kopiergeräte, denen man mit Druck des Fußes auf einen Knopf am Boden Texte von Meienberg herauslocken kann. Toll.  

Im Vorraum des Kulturraums: M.s Motorrad

Aber was er für ein Mensch war, wird nicht richtig plastisch. Hatte er auch ein Privatleben? Die Schweiz arbeitet sich in dieser Ausstellung an ihm ab, wie er sich an der Schweiz abgearbeitet hat. Meienberg war zuweilen manisch-depressiv, und er kam damit zurecht, aber 1993 kam es für ihn schlimm, er wurde überfallen, hatte einen Motorrradunfall, wurde von der Partnerin verlassen, und dann nahm er sich das Leben. Das war vor 20 Jahren, am 22. September 1993, und das war auch der Anlass der Ausstellung. Darum noch die letzte Erinnerung des Schriftstellers Lukas Hartmann an ihn, von einer Seite über Meienberg. 

»Zum letzten Mal sah ich ihn im Mai 1993. Wir waren beide ins Bernhard-Littéraire, Zürich, eingeladen und lasen etwas zum Thema Liebe. Ich erschrak, als ich ihn sah. Er war aufgedunsen, ein bleicher Koloss. Immer noch drängten sich die Leute um ihn, aber er schien sie kaum wahrzunehmen, sprach nur wenige Sätze. Er schaute auch durch mich hindurch, als ich ihn begrüsste. Sein Händedruck war schlaff wie nie zuvor. Es hatte Gerüchte über ihn gegeben: Vor dem Ausbruch des Golfkriegs, sei er beinahe durchgedreht, habe Anzeichen von Paranoia gezeigt, habe unermüdlich herumtelefoniert, besessen von der Mission, den Krieg verhindern zu können.  

»Er las Gedichte aus ›Die Geschichte der Liebe und des Liebäugelns‹. Die Stimme war heiser und monoton, sie trieb seinen Zeilen die Poesie aus, als sei sie ihm plötzlich zuwider geworden. Mit zynischen Zwischenbemerkungen versuchte er, den Polemiker zu reaktivieren und den Liebes- und Anerkennungssüchtigen zu verjagen, es gelang ihm nicht. An einem Tischchen sitzend, signierte er nachher mit kleinen ruckenden Bewegungen seine Bücher. Ich lud ihn ein, mit mir noch ein Glas Wein zu trinken. Doch er hatte Kopfweh und wollte nach Hause. Beinahe flüsternd sagte er zu mir: ›Weißt du, was ich jetzt für eine Lesung bekomme? Tausend! Tausend Stutz! Ist das nicht Wahnsinn?‹“ Er lachte leise, halb verächtlich, halb ungläubig. Es waren die letzten Worte, die ich von ihm hörte.«

Im Umkreis der Ausstellung gibt es am 12. September (Donnerstag) um 20 Uhr im Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz, Florastrasse 6, eine Lesung mit der Autorin Isolde Schaad. Thema: Meienberg, die Genossen und der Frauenstandpunkt.  – Am 15. September (Sonntag) wird um 17 Uhr im Kinok in der Lokremise St. Gallen der Film ›Laure Wyss – ein Schreiberleben‹ gezeigt,  den Erich Buchmüller über die Autorin Laure Wyss (1913-2002) gedreht hat.   

 

 

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