Roseto, Pennsylvania

Die Harvard-Professorin Anne Harrington hat 2008 das Buch The Cure Within veröffentlicht. Da geht es um die Beziehung zwischen Körper und Geist, und sie stellte dar, mit welchen erzählerischen Motiven Menschen diese Beziehung wiedergeben. Ihr Buch bietet viele anschauliche Beispiele.    

Ein Kapitel gilt den heilsamen sozialen Verbindungen zwischen Menschen. Studien und Statistiken sagen, dass Menschen länger und gesünder leben, wenn sie sich auf eine Familie oder eine gute Partnerschaft stützen können. Interessant fand ich den Fall des Ortes Roseto im US-Bundesstaat Pennsylvania. 

In einem Artikel hieß es 1964, dass es in dem kleinen Ort kaum Herzinfarkte gab; bis zum 64. Lebensjahr starb niemand daran. In den Nachbarorten Nazareth und Bangor lag die Rate viel höher. Woran lag das? Denn die Leute aus Roseto waren übergewichtig, viele Männer rauchten, und alle aßen Würste und Fleisch. Der Psychiater Stewart Wolf untersuchte das »Roseto-Paradox«. Er führte Interviews und beobachtete den Lebensstil der Rosetaner.  (Illustration: Minen-Dorf in Pennsylvania; Library of Congress, Washington)  

Die Vorfahren der Bewohner waren im Jahrhundert davor – anders als die Leute aus Bangor und Nazareth – aus einer Kleinstadt in Süditalien gekommen. Sie schufen sich eine Oase mit ihren italienischen Werten, die auch im blühenden, hektischen Amerika der Nachkriegszeit Bestand hatte. In den Häusern lebten Familien mit ihren Onkeln, Tanten und Großeltern. Das Leben kreiste um die Kirche und kirchliche Feste, denn alle Einwohner waren katholisch. Wolf fiel die Lebensfreude auf, wenn es ans Feiern ging.  (Illustration: anderer Blickwinkel; Library of Congress)

Der Psychiater führte das auf die »Kraft des Clans« zurück. Keiner wollte aus der Reihe tanzen. Wie üblich in Italien, herrschte Angst vor Neid. Wer zu viel verdiente, wurde geächtet. Es gab keine große Konkurrenz. Das Leben verlief gemütlich: Plaudern, die Bar, früh zu Bett. Allerdings äußerten jüngere Rosetaner Unwillen und den Wunsch nach einem größeren Haus und mehr Vergnügungen.  

Stewart Wolf prophezeite, Roseto würde nicht länger eine Insel der Seligen mit wenigen Herzinfarkten sein, wenn die Jüngeren sich durchsetzten. Bald heirateten junge Männer Frauen aus anderen Orten, trieben Sport, kauften große Autos und bauten große Häuser. 1971 bereits starb der erste Mann unter 45 Jahren an einem Infarkt, und Ende des Jahrzehnts litten Menschen unter Bluthochdruck und erlitten auch Schlaganfälle. Schon 15 Jahre nach dem Artikel über die Oase in Pennsylvania gab es in Roseto ebenso viele Herzinfarkte wie in Bangor und Nazareth. (S. 177-181

 

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