Maiandacht

Mit diesem Tag endet der Mai, der in den katholischen Ländern immer Maria gewidmet ist. Zur abendlichen Maiandacht gingen die Jungen vor allem, um ihre(n) Angebetete(n) zu sehen und zu treffen. Die Anbetung der Gottesmutter wurde so zu einer konkreten Angelegenheit, Religion war plötzlich Herzklopfen und Erregung, und so sollte sie auch sein.

Als ich Mitte Mai in Acitrezza ankam, hatte ich noch Zeit. Der Treffpunkt mit Orazio war vor der Kirche, deren Türen offenstanden und in der gerade eine Andacdht abgehalten wurde, ein Rosenkranz. Eine Vorbeterin sprach die Worte, 20 andere sprachen nach, und so klang es immer wieder prega per noi, bitt für uns (ora pro nobis). Zieh in mein Herz ein: prendi dimora in noi. Und weil noch Zeit war, blieb ich noch zur Abendmesse um 19 Uhr, und der junge Priester mahnte, Gott sei das einzige im Leben, manchmal werde es mit der Liebe in der Welt etwas übertrieben, Gott allein müsse man suchen, er sei das einzige Licht.

Was soll falsch daran sein, wenn mein Vater und meine Mutter zur Maiandacht gingen, um sich zu sehen? Was ist falsch an übertriebener Liebe? Auch der Papst spricht immer von Jesus, der anworte. Aber wer antwortet und wie? Man kann lange auf die Stimme warten, die von oben kommt oder von innen. Die alten orientalischen Philosophen haben gewusst, dass man Gott durch eine Frau liebt. Liebe darf nicht abstrakt sein.

Jeden Abend um 18 Uhr im Mai stellten Bürger von Acicastello vor ein Muttergottesbild zehn Stühle hin, und um 18 Uhr schloss eine Frau das Gitter vor dem Bild auf und begann, das Ave Maria zu sprechen. Ich mag den Mai. Schade, dass er vorbei ist.

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