Ich ich

Noch vor zehn Jahren trug der Linksaußen im Fußball die Nummer 11. Der Spieler füllte ein Funktion aus. Heute steht sein Name hinten drauf, mit seiner eigenen Nummer. Und damals erschienen Spiegel-Artikel anonym; jetzt dürfen die Autoren auch ihren Namen darunterschreiben. Nicht, dass das eine große Änderung wäre …

Es zeigt nur einen grassierenden Individualismus, eine Personalisierung. Sie wurden bedient von: Heide. Oder Heike. Ist doch schön. Ihr Kundenberater. Mein Angebot, individuell wie Sie. Sehr geehrter Herr sowieso, haben Sie unser neues Produkt gesehen? Das ist alles nur Gaukelspiel, denn es gibt überall Massenprodukte, die den Leuten nur als auf sie zugeschnitten verkauft werden. Dass dieser Trick funktioniert, ist das Wundersame (oder Wahnsinnige) daran.

Das Persönliche überall, das Unterhaltsame und Unterhaltende hat 1977 schon Richard Sennett in seinem Buch Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität beschrieben. Neu ist das alles nicht.

Irgendwann gab es nur noch »Partner«, der Konsument wurde zum Freund des Produzenten, aber eigentlich ist das alles Lüge. »Während das nominalistische Prinzip ihnen [den Konsumenten] die Vereinzelung vorgaukelt, agieren sie kollektiv«, schreibt Theodor W. Adorno (1966 in Negative Dialektik). Die Menschen leben eine Freiheit unterm Bann, und dem Bann entspreche der Fetischcharakter der Ware. »Je mehr die Gesellschaft der Totalität zusteuert, die im Bann der Subjektivität sich reproduziert, desto tiefer denn auch ihre Tendenz zur Dissoziation.«

Dissoziation: Zersplitterung. Viele einzelne Konsumenten trachten nach ihrem Einzelwohl durch den Kauf von Waren, die ihnen Befriedigung von Bedürfnissen schenken sollen, die gekonnt geweckt wurden. Es vereint sie noch die Sorge um den Erhalt ihres Vermögens. Noch mehr Technik, die vom Mittel zum Zweck geworden ist, während die menschliche Begegnung, Zweck eigentlich des Lebens, zum Mittel wurde. Überall Automaten und Verfahren, Klicks und Zugangscodes.

Schreibt Adorno: »Was mit Vorliebe Angst genannt und zum Existenzial veredelt wird, ist Klaustrophobie in der Welt: dem geschlossenen System; sie perpetuiert den Bann als die Kälte zwischen den Menschen …« (Zwei Stunden, nachdem ich das geschrieben hatte, las ich auf Marco Pierfranscschis Blog seine Diagnose in Bezug auf den Verkehr und die Unglücke: Wir lebten permanent in einer latenten Klaustrophobie, eingeschlossen in Schachteln, also in Autos, Wohnungen, Mini-Büros, und die Städte sind voll.)

Adorno: »Angst ist in der universalen Kälte die notwendige Gestalt des Fluchs über denen, die an ihr leiden.« Durch die Nennung des Namens, das persönliche Angesprochenseins, die Individualisierung der Produkte wird diese Kälte verschleiert. Das muss man sehen, und damit ist man schon einen Schritt weiter.

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