Der Kobold-Effekt

Ich begnüge mich am Computer mit den Routine-Handgriffen. Sobald ich etwas Kompliziertes anpacke, geht es schief; Panik ergreift mich, kaum dass ich mir meiner »stuckness« bewusst geworden bin, wie Robert M. Pirsig das bezeichnet hat. Ich stecke fest, weiß nicht mehr weiter. Es gibt sogar jemanden (meine »Ex«), die sagt, manche Fehlermeldungen bei mir habe sie ihr ganzes Leben noch nicht gesehen.

Ich meine ja, dass der Mensch mit seinem Gerät in Verbindung steht. Und bei dem komplizierten Innenleben der Computer genügt ein Schuss Psychokinese, dass alles stehenbleibt. (Ich bete, dass ich diesen Artikel gut zu Ende bringe, denn über so etwas zu schreiben, ist gefährlich.) Professor Robert Jahn meint an der Princeton-Universität nachgewiesen zu haben, dass es bei der Interaktion Mensch/Maschine ein rätselhaftes Element gibt, das man vermenschlichend Kobold nennen könnte.  

Jedenfalls kann jeder von rätselhaften Dingen erzählen. Piloten wissen, dass Instrumente im wichtigsten Moment versagen, und wir wissen, dass Geräte, die versagten, plötzlich wieder funktionieren, wenn man sie zum Reparieren gebracht hat. Aber es gibt Menschen, denen das häufiger passierte als anderen.  

Kürzlich las ich im Gesamtwerk von Alfred Andersch (1914−1980) herum, und in seinen Erzählungen Aus einem römischen Winter, 1969 geschrieben, fand ich die Geschichte Malocchio. Es geht um einen Geisteswissenschaftler, der einen Lehrstuhl innehatte und der, wie die ganze Stadt gewusst haben soll, mit dem bösen Blick begabt war (Malocchio; occhio heißt Auge).  

Er konnte Ampeln auf Grün schalten, einen Auffahrunfall produzieren, und im Theater bewirkte er es, dass eine Schauspielerin keinen Satz herausbrachte und ihr berühmter Kollege Vittorio Gassman über ein Kabel stolperte. Man riet Andersch, sofort, wenn er den Professor anträfe, Eisen zu berühren, etwa einen Schlüssel (toccaferro). Der alte Herr sei nicht einmal unglücklich darüber, schreibt Andersch, sondern es bereite ihm eine diebische Freude, andere manipulieren zu können. 

Maschinen springen nicht mehr an: Motorroller Nähe Piazza della Repubblica, Rom

»Ohne Zweifel muss ein koboldischer Bösewicht in ihm stecken«, beendet Alfred Andersch seine Geschichte, »denn als ich heute morgen am Frühstückstisch mitteilte, ich wolle über Professore X. schreiben, brach, ohne alles Zutun, aus dem Schnäuzchen unserer Teekanne ein dreieckiges Stück Porzellan ab. Die hübsche Kanne ist ruiniert.« 

»Kobold-Effekt« heißt auch die Tendenz von exakten Instrumenten, im denkbar ungünstigsten Augenblick zu versagen. Aber es gibt auch einen berühmten Physiker, der berüchtigt war, ihn hervorzurufen: Wolfgang Pauli (1900−1958), den österreichischen Nobelpreisträger. Wenn er auftrat, explodierten Glaskolben und zerbrachen empfindliche Messinstrumente. Seine Kollegen nannten es scherzhaft den »Pauli-Effekt« und warnten sich gegenseitig, wenn er sich näherte. 

Keine Fürsprache eines Heiligen hilft: Ramschladen in Gent, Belgien

Eine Anekdote lautet so: Einmal klappte in Göttingen eine ganze Versuchsanordnung zusammen. Die Physiker meinten, Pauli könne es wohl nicht gewesen sein, denn er sei zu einer Tagung gereist. Doch es stellte sich heraus, dass er in just dem Augenblick in einem Zug saß, der in Göttingen Halt gemacht hatte.   

Vor einigen Jahren traf ich in Appenzell eine junge Lehrerin, die sich beklagte, dass sie nur in die Nähe eines Kopierers kommen müsse, und er versage seinen Dienst. Solche Wechselwirkungen sind vielleicht häufiger, als wir ahnen.

            

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