Staufentango

Die grösste Sammlung von Bandoneons auf der Welt findet man in Staufen im Breisgau. Es sind 450 Exemplare, die Konrad Steinhart, früher Schuhmacher in Kirchzarten, in seinem Leben zusammengetragen hatte. Nun zeigt sie sein Sohn Axel jeden Samstag und Sonntag zwischen 15 und 18 Uhr in der Grunerner Straße 1 im Tango- & Bandoneonmuseum, das bald 1. Geburtstag feiert.

Das Bandoneon wurde gegen 1850 von Heinrich Band aus Krefeld erfunden. Ein Produktionszentrum lag in Carlsfeld in Thüringen bei Alfred Arnold, der das Instrument exportierte. Der Tango argentino entstand natürlich erst später, um 1870 in Buenos Aires, denn ohne das Bandoneon ist er nicht denkbar.

Das Akkordeon, sein Vorläufer, kam in den 1820-er Jahren zur Welt und ist gleichtönig: Der Ton verändert sich nicht, wenn der Balg gedehnt und zusammengeschoben wird. Das Bandoneon ist wechseltönig, es verändert seine Klangfarbe bei Zug und Schub. 71 Knöpfe erzeugen so (bei der argentinischen Version) 142 Töne. Heutige Kaufinteressenten versuchen, ein altes Bandoneon zu erwerben, das weniger als 6000 Euro koste, erläuterte Steinhart. Für ein ganz neues Bandoneon zahlt man mehr.

Bei dem Instrument schwingen im Hintergrund und fast unhörbar die anderen Töne mit, und Axel Steinhart sagt, das Bandoneon habe »mehr Ähnlichkeit mit der menschlichen Stimme« als das Akkordeon.

Axel Steinhart vor der Bandoneon-Wand

Die melancholische Wirkung des Instruments ist ungeheuer: so ungeheuer, dass einmal, wie mir Nicole Bachmann aus Bern erzählte, ein alter Musiker mit einem Bandoneon nur ein paar Töne zu spielen brauchte, um alle Zuhörer in Tränen ausbrechen zu lassen. Nicole hat mir glaubhaft versichert, wie sie sich dagegen wehrte, jedoch vergeblich: Die Trauer in diesen wenigen Tönen war unbezwinglich. Die Macht der Musik.

Eine andere Nicole, Nicole Nau aus Düsseldorf, hat in Buenos Aires als Tänzerin viel für den Tango getan. Hier sieht man eine kurze Zusammenstellung mit ihr und ihrem Mann Luis Pereyra, die zeigt, was der Tango ist und sein kann. Pereyra hat den Tango mit indianischen Elementen angereichert, wie Piazzolla ihn 60 Jahre zuvor mit dem Tango nuevo erneuerte. Der Tango ist natürlich vor allem Tanz und Erotik. Eine hervorragende Internetseite ist Tango and Chaos in Buenos Aires (englisch).

Astor Piazzolla (1921-1992) war der grösste Tangomusiker. Nach seinem Studium in Paris, wo er sich später niederließ, kehrte er 1955 nach Argentinien zurück und gründete das Octeto Buenos Aires: zwei Bandoneons, zwei Violinen, Bass, Cello, Klavier und eine elektrische Gitarre. Mit diesem Ensemble begann die Neuinterpretation des Tangos, der Tango Nuevo, mit dem aber Jorge Luis Borges, der gewaltige Seher und Autor aus Buenos Aires, nichts anfangen konnte. Piazzolla schrieb einmal Konrad Steinhart einen Brief, und in Paris lernten sich die beiden schließlich kennen. In dem Brief (rechts oben) schreibt er fast humoristisch, er lebe in Argentinien und spiele, as you must know, Bandoneon, und ein Treffen wäre nett. Links sieht man die beiden dann, Astor Piazzolla und Konrad Steinhart. Heute ist Piazzollas Todestag, darum heute Tango.

Dann bemühte sich Staufen, diese in der Kultur regsame Stadt, um die Sammlung und bekam sie. Wer zufällig in der Nähe ist, sollte sie sich nicht entgehen lassen.

 

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