Und noch ein Geheimnis

Nun wird es eine Pirsig-Trilogie. Aber damit schließen wir die Beschäftigung mit dem Buch Zen in der Kunst, ein Motorrad zu warten ab. Auf Seite 295 in meinem Bantam Book vom Oktober 1976 erwähnt der Autor den schottischen Begriff »gumption« und spricht lange darüber. Das schlug in mir eine Saite an. Für gumption gibt es in vielen Kulturen Entsprechungen, aber das zu erklären ist schwierig. Ich versuche es.

Pirsig schrieb: »Ich mag das Wort ›gumption‹, weil es so gemütlich und verloren und so altmodisch wirkt, und man hat den Eindruck, es brauche einen Freund.« Gumption hätten Leute, die von langen Aufenthalten beim Fischen zurückkommen, gumption sei das wichtigste Werkzeug und das »psychische Benzin« beim Reparieren.  

Es ist etwas wie Tao, das oft Kinder und Narren haben: ein Urvertrauen, ein Versunkensein, ein »Händchen«, ein Bauchgefühl, ein unbewusstes Verbundensein mit den Dingen, das auch jeder Künstler braucht: ein Einssein mit der Musik (und dem Instrument), schlafwandlerische Sicherheit, der »Flow« . Es kann sich auch in unglaublichen Höhenflügen, in Raserei ausprägen, was beim Reparieren eines Fahrrads nun weniger dienlich ist. 

In Japan entspricht dem gumption etwa shugyō, die Einheit von Körper und Geist. In Indien heißt das tapas, wie uns Jasuo Yuasa verrät. Das bedeute ursprünglich Feuer oder Hitze, womit man auch heile. Wenn ein Dichter eine Inspiration hat und ein Gedicht schreibt, wird das tapas zugeschrieben. Im Westen wurde es mit schöpferischer Hitze übersetzt. Bei den Griechen hieß das enthusiasmos, und Plato meinte, dass alles Schaffen einer künstlerischen Raserei entspringe, die zum Gott Dionysos gehörte. Friedrich Nietzsche hat den Dionysos-Kult genauer untersucht.   

Leena Conquest und Amiri Baraka mit dem William Parker Quintet 2004 in Rom

Häufiger wird dies im Zusammenhang mit der Musik beschrieben. Sevdah heißt der Begriff auf dem Balkan und duende in Spanien. Duende heißt eigentlich Dämon, und der Dichter Federico García Lorca (1900−1936), ein Kenner Andalusiens, des Flamencos und des Stierkampfs, hat ihn genauer erläutert. Die »schwarzen Klänge« seien das Geheimnis, und er erinnerte an Goethe, der am Meistergeiger Paganini eine geheimnisvolle Kraft wahrnahm, die alle hörten, aber kein Philosoph erklären könne.    

Stierkampf in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, 2011

Duende könne man nicht erlernen, es sei in den tiefsten Bezirken des Blutes verankert, steige von den Fußsohlen auf, die Muse ergreife den Musiker, ein fast religiöses Gefühl erhebe sich, und die Zuhörer wüssten sich nicht zu fassen und ríefen »Olé!« oder »Viva Dios!« Jeder wird es schon einmal erlebt haben, in einem Konzert oder bei einem Fußballspiel, diese verrückte Begeisterung; es sind einzigartige Momente.  

 

 

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