Ähnlichkeiten

Wieder stieß ich auf einen Gedanken von Michel Foucault, der mich schon immer fasziniert hat: Anfang des 17. Jahrhundert »hört das Denken auf, sich im Element der Ähnlichkeit  zu bewegen«. In der Folge ― und heute noch ― ging es vorwiegend um Unterschiede und Identität, um Ordnung und Hierarchie.

Das alte Denken, das »magische« Denken, sah das Große im Kleinen und das Kleine im Großen, bildete Analogien und Allegorien, alles floss ineinander, und die Sprache war irgendwie etwas Heiliges. Das Wort war das Ding. Dann trat ein Bruch ein, den Foucault mit dem Roman Don Quijote von Miguel de Cervantes markiert, der 1605 erschien. Ins 17. Jahrhundert hinein, das ja auch (1678) das Hauptwerk von Sir Isaac Newton erlebte, Beginn der Naturwissenschaft, verliert das Wort seine Kraft, und es repräsentiert nur noch das Ding.

Foucault schreibt so poetisch: »Von da hört der Text auf, zu den Zeichen und zu den Formen der Wahrheit zu gehören. Die Sprache ist nicht mehr eine der Gestalten der Welt oder die Signatur, die seit der Tiefe der Zeit den Dingen auferlegt ist. … Die Sprache zieht sich aus der Mitte der Wesen zurück, um in ihr Zeitalter der Transparenz und der Neutralität einzutreten.«

Bis heute. Hat jemals die Sprache weniger bedeutet als heute? Sie trägt Informationen, aber mehr nicht. Mit dem allmählichen Verschwinden des Glaubens und der Gläubigkeit ist auch der heilige Hintergrund hinter der Sprache verschwunden; hinter den Wörtern blicken wir in die Leere. Es wird nur mehr geplappert. Die wahren Texte haben sich in den Untergrund verzogen.

Die Ordnungen und die Unterschiede haben triumphiert. Das binäre Denken steckt hinter jeder Software. Wir haben plus/minus, ja/nein, Freund/Feind, Einheimischer/Ausländer, wir/ihr. Im Zuge der Naturwissenschaft entstand das Leib-Seele-Problem. In der Natur erweist sich dann regelmäßig, dass ein Gegensatzpaar auflösbar ist, dass beides gilt: so bem Welle-/Teilchen-Dualismus. Körper und Geist sind ebenfalls nicht streng trennbar. Alles ist Bewegung, alles fließt, nichts ist festgelegt. Nur unsere Sprache fixiert und schafft Fronten.

Foucaults Folgerung am Ende seines dicken Buches Die Ordnung der Dinge (1984) ist dann aber etwas bizarr. Der Mensch habe sich in den Zwischenräumen seiner fragmentierten Sprache eingerichtet, und wenn ein neuer Bruch eintrete, könne er vielleicht auch verschwinden »wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand«.

Nicht so einfach vorstellbar. Man könnte aber sagen, der unheilige Egoismus treibe die Spezies allmählich in den Untergang, denn jeder sieht nur sich und den anderen; Kampf bis aufs Messer, Festhalten am Bewährten, Erstarrung statt Bewegung, aber Sprache ist ja immer nur Ausdruck der Gedanken, doch wiederum sind Gedanken ohne Sprache nicht denkbar; mittels der Sprache regle ich meine Welt.

Sogar der amerikanische Physiker Eugene Wigner dachte in diese (Foucaults) Richtung. In einem Aufsatz zum Leib-Seele-Problem (Remarks on the Mind-Body Question, mehr davon später) schrieb er: »Auch ist es möglich, dass wir gelernt haben, dass das Grundproblem nicht mehr der Kampf gegen die Naturgewalten darstellt, sondern die Schwierigkeiten, uns selbst zu verstehen, falls wir überleben wollen.«

Es gibt ja Sprachregelungen und Denkverbote heute, und möglich, dass irgendwann einmal etwas nicht mehr ausgesprochen werden kann, was die Rettung bedeuten würde ― etwa der Konsumwelt ein Ende zu setzen. Oder dem Automobil Grenzen zu setzen (Italien und seine Städte mit der miserablen Luft).  Was passiert? Kosmetik hier, Reformen dort, schöne Worte und Klein-Klein. Wir warten erst einmal ab.

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