Operetten-Gala

Ich sollte, weil meine Schwester verhindert war, meine Mutter zu einer »Operetten- und Musical-Gala« im Kurhaus von Bad Krozingen begleiten. Gala lässt immer Übles vermuten, aber es wurde noch schlimmer, darum und nach anderen Erfahrungen ein Traktat gegen die verlogene Populärkultur.
Man muss sich keine Gala reintun, das ist Masochismus. Der Saal war voll mit 70- und 80-Jährigen, die die Veranstaltung anscheinend genossen, die im Grunde eine Farce war: Fünf oder sechs durchschnittliche Sängerinnen und Sänger liefern Duette und Arien aus bekannten Operetten und Musicals ab, die Musik kam vom Band (nicht von einer Band), die Moderation des Leitenden Österreichers war öde und anbiedernd, alles war reichlich abgeschmackt und kostete … 28,50 Euro pro Person (meine Schwester hatte die Karten zum Glück gewonnen). Die »Künstler« sacken mit aufgewärmten Gefühlen also 30.000 Euro ein, und 5 Prozent gehen an ein Kinderhilfswerk (klingt ja auch immer gut, ist aber auch Heuchelei).

Eine Woche vorher der Film Still Alice mit Julianne Moore und Alec Baldwin. Es ging um eine Frau, die von Alzheimer ergriffen wird, und am Ende war’s ein amerikanisches Familienrührstück, in dem die unangenehmen Begleiterscheinungen einfach ausgespart wurden. Ach ja, nochmal Bad Krozingen: In den vergangenen beiden Jahren gingen mir auch die Konzerte von Jethro Tull und Manfred Mann’s Earthband im Kurpark auf den Geist. Diese Bands, die ich früher liebte, schrubbten ihre Hits uninspiriert herunter und bemühten die alten Rock’n Roll-Klischees, dass einem übel werden konnte. Auch hier natürlich: Begeisterung im Publikum.

Was sollen diese Konzerte und Ausstellungen und Events, die mit Versatzstücken arbeiten und bloß hylbwegs unterhaltsam sind? 95 Prozent der Veranstaltungen der Populärkultur könnten bequem fortfallen (95 Prozent der Bücher auch), sie sind nur als Zeitvertreib für sich langweilende Kaumbildungsbürger da. Was soll mir eine Kunst, die nicht mein Leben verändern will, die mich nicht umhaut? Wieso widme ich meine Zeit einer Sache, die mich halb belustigt und unzufrieden entlässt?

Das Problem ist ja, dass die Leute das Wahre nicht mehr sehen. Die wahre Kunst, die wahre Religion, die Wahrheit überhaupt sind im Exil und müssen dort leben, vielleicht noch lange Zeit. Echte Kunst vermarktet sich nicht. Und nun haben wir hier im Land viele Menschen, die reich an Gütern, aber arm im Geiste sind: nicht dumm, aber verblendet. Wie Zombies. Sie lassen sich billige Täuschungen für das Echte andrehen. Und wie sollen diese Leute die Parolen von Demagogen durchschauen, den Zynismus der Wirtschaft, die Lüge in allem?

Schau dir Bad Krozingen an! Alles, was geht, ist zugepflastert, es gibt Häuser, Straßen, Autos, ein kümmerliches Flüsschen, einen uninspirierten Kurpark. Kein Wunder, dass sich alle nach Italien sehnen ― aber gleich (wie etwa im ARD-Urbino-Krimi im März) wird das ausgebeutet, verlogen dargestellt, poetisch überhöht und damit zerstört. Ich kann auch die Moderatoren der Radiosender nicht ertragen. Man muss sich von all dem fernhalten, um sich seine geistige Gesundheit zu bewahren.

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