Der Placebo-Effekt

Heute, am Pfingstsonntag, werde ich am Nachmittag um 15 Uhr in Schloss Unspunnen südlich von Interlaken im Rahmen der Konferenz Heilendes Bewusstsein einen Vortrag halten: Der Placebo-Effekt. Mein Verleger Peter Michel hat die Tagung veranstaltet, und mein gleichnamiges Buch hält sich noch so eben im Rennen.

Das Manuskript hatte ich im März vergangenen Jahres abgegeben. Dann schüttelt man das Thema ab und wendet sich anderen Gebieten zu. Und danach wird es richtig schwierig, sich nach einem Jahr wieder hineinzuarbeiten. Also erneut Placebo. Ich las meine zwei Ordner voll mit Materialien durch und dachte viel darüber nach; bei meinen ausgedehnten Radfahrten ging es immer um diesen Vortrag.

Eine Kurzversion würde etwa so lauten: Das Placebo ist ein Mittel, das keinen Inhaltsstoff besitzt. Es ist ein Signal und ein Symbol; es ist ein Nichts, das trotzdem wirkt, weil der Körper glaubt, dass ihm geholfen werden soll. Das ist ein Wunder.

DSCN4967Der Placebo-Effekt ist das, was ein Placebo bewirken kann. Er ist mit der Selbstheilung gleichzusetzen; der Körper reagiert auf eine symbolische Botschaft, die ihm ein Mitmensch übermittelt. Sie heißt: Du bist mir wichtig. Ich will, dass es dir besser geht. Die Beziehung zum Arzt oder zur Ärztin ist wichtiger als das Heilmittel, das meistens überschätzt wird. Pillen oder andere Substanzen sind eigentlich grobe Instrumente. Sie treffen nur zu 50 Prozent ihr Ziel und haben oft Nebenwirkungen.

Der Körper jedoch kann, wenn man ihn lässt, Ressourcen mobilisieren und besser heilen, wenn es ihm in Ganzen gut geht. »Den Teil durch das Ganze heilen« wollte Sokrates, wie ihn Plato zu Wort kommen lässt. Eigentlich müsste man länger mit dem Patienten reden und ihm klarmachen, was an seinem Leben zu ändern wäre. Wenn man sich wohl fühlt, heilt man leichter; das ist ganz einfach. In den vergangenen 20 Jahren sind die Pharma-Ausgaben um 80 Prozent gestiegen, es ist der Wahnsinn.

Natürlich denken die Leute, dass es gut ist, in ihre Gesundheit zu investieren. Sie kaufen Mittel, die ihnen die Apotheken anpreisen, und wenn sie wieder gesund sind, werfen sie die restlichen Arzneien weg. Unsere Kultur will immer nur spezifische Wirkungen: Das störende Symptom muss weg, ich will wieder funktionieren und gesund sein. Doch jede Krankheit ist ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Mein Immunsystem wird durchlöchert, wenn ich traurig bin. Es versagt. Die Psyche ist an fast allen Krankheiten beteiligt. Die Seele muss geheilt werden, dann geht der Körper mit.

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Wir wissen noch nicht genau, wie Seele und Körper zusammenhängen. Aber wenn wir gut drauf sind, werden Endorphine ausgeschüttet; man kann auf biochemische Weise erklären, dass seelisches Wohlbefinden den Körper heilt. Natürlich ist das Schlüsselwort das Bewusstsein, das heilende Bewusstsein. Wir müssen uns selber so gut wie möglich kennenlernen (das wollten auch die Griechen: Erkenne dich selbst!), aber wenn wir krank sind, geht es darum, nicht zuviel Bewusstsein zu beweisen.

Irgendwann muss man den Nicht-Geist machen lassen, wie der Buddhist Daisetz T. Suzuki meinte. Man darf nicht immer an die Krankheit denken, muss sich ablenken, unn oft wurden Menschen geheilt, nachdem sie sich in ihr Schicksal gefügt hatten. Sie nahmen ihre Krankheit an und damit sich selbst, wurden demütig, und wir dürfen nicht vergessen, dass Heilung auch eine Gnade ist und es keine Garantie für sie gibt.

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