Sotto’O Sole

Vorgestern war noch einmal Wein & Musik, viele Bands spielten bei Sonnenschein in Staufen, und am Weinbrunnen traten Sotto’O Sole auf, eine fünfköpfige Partyband um Antonio aus Neapel. Wer zufällig da war, konnte mich tanzen sehen!

Zufällig da war der Bürgermeister von Mühlingen samt Kirchenchor des Ortes am Hochrhein, in dem ich vergangenes Jahr bei der Erzählzeit vorgelesen hatte. »Der junge Mann ist Schriftsteller, nicht wahr?« begrüsste er mich, nachdem ich ihn zweifelnd angeblickt hatte, weil ich nicht wusste, woher ich diesen Mann kannte.

Die Musik von Sotto’O Sole macht Spaß. Die fünf spielen Songs von Lucio Battisti, Pino Daniele und Loredana Berté, und sie spielen sie breit aus, zeigen Spielfreude, improvisieren lang, und jedes Lied swingt, getragen von Philippes Piano und dem Schlagzeug von Annerose, vorwärtsgetrieben von Gabrieles Bass und verziert von Mönkes Gitarre. Der kleine dicke Antonio singt. Schon letztes Jahr bei einem Künstlerfest in Freiburg hatte ich ihnen zugehört und zu Antonio traurig gesagt: »Mi manca Italia.«

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Italien fehlt mir. Schon das zweite Jahr hintereinander bin ich Ende Mai und im Juni nicht in Italien. Darum gefiel mir diese Musik so, und die Band beweist auch Humor, ihre Musik kann überdreht und lustig sein. So ist das: In Italien wird der Alltag zum Fest, man lebt gerne dort, man geht durch die Straßen, man erwirbt sich kurzzeitig Freunde, man ist dort Mensch und darf es sein.

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Kürzlich las ich Verflixte Italiener von Curzio Malparte, der 1898 geboren wurde und im Juli 1957 gestorben ist, ein paar Monate nach meiner Geburt. Sein Vater war ein Deutscher, seine Mutter eine Italienerin, und er war stets hin- und hergerissen zwischen beiden Ländern. Er besaß eine Villa auf Capri und radelte gern auf seiner ausgedehten Terrasse herum. Das Buch heißt im Original übrigens Benedetti Italiani, also Gesegnete Italiener, was den problemverliebten deutschen Verlagsleuten wohl zu begeistert klang; da musste Tiefsinn und Hintersinn her!

Malparte hat einen traumhaften Stil und findet wunderbare Sätze. Über die erste Begegnung der Deutschen mit Italien schrieb er:

Und kaum hatten sie die Berge überschritten, fanden sie ein Land voll Sonne, blaue Himmel, Felder gleich Gärten und schöne saubere Häuser und von Gold und kostbarem Marmor wundersam funkelnde Kirchen, Plätze gleich Theatern … Und auf diesen Plätzen … bewegte sich ein gesittetes, heiteres, sorgfältig gekleidetes Volk, mit höflicher Stimme, mit städtisch gesitteter Lebensart, das seinen Dingen nachging, seinen Geschäften, als ob nichts wäre …  

Und er singt das Lob der italienischen Frau:

Sie erblickten Frauen mit tiefschwarz glänzendem Haar, mit magnolienhaftem Gesicht, dunkel leuchtenden tiefen Augen, in die nie die Sonne eindringen zu können schien, sie erblickten Mädchen, sie sich anmutig bewegten, mit leichten Hüften, mit aufrechtem reglosem Oberkörper …

Eigentlich hatte ich Italien, Deutschland und Spanien vergleichen wollen anhand von Federico García Lorca, der Deutschland die Muse zuteilt, Italien den Engel und Spanien den Dämon: duende. Ich weiß, dass neben meiner Leichtigkeit auch viel Strenge in mir wohnt, und denke mir: Sollte ich noch einmal mein Land wechseln, müsste es vielleicht Spanien sein.

In Italien zu leben, ist zu schön und zu einfach. Im Team von Atletico Madrid spielte einer, der sah aus wie ein Mönch, man hätte ihm nur noch eine Kutte überziehen müssen. (Und gerade er setzte vier Tage später seinen Elfmeter an den Pfosten. Gerade ihm half Gott nicht!) Diese Härte, diese Todesverliebtheit! (Vielleicht ist das auch Klischee und ist längst nicht mehr so.) Deutschland, Italien, Spanien, das sind drei fremde Welten nahe beieinander; man muss darüer nachdenken. Den Dämon-Aufsatz von Garcíe Lorca muss ich später einmal vorstellen.

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