Eine Frau betrachten

Der Buchtitel Kabbalah & Eros zog mich magisch an. Moshe Idel schreibt gelehrt über die Erotik im mystischen Judentum; und sogar darüber lesen und schreiben ist erotisch, denn Erotik entsteht im Intellekt. Das Kapitel Eine Frau betrachten kreist um eine Parabel aus einem alten Buch.

Das Buch, auf das sich die Parabel aus Contemplating  a Female bezieht, ist das Sefer Reshit Hochmah von 1570. Der Kabbalist Rabbi Isaac ben Shmuel aus Acra erzählt von einem faulen Mann, der eine wunderschöne Prinzessin aus dem Badhaus kommen sieht und äußert: »Wenn ich mit ihr nur tun könnte, was ich wollte!« Die Prinzessin hört das, geht zu ihm hin und sagt: »Das wird auf dem Friedhof geschehen, nicht hier.« Der Mann DSCN3285hält das für ein date, freut sich und begibt sich dorthin. Er setzt sich und denkt anbetend an die Prinzessin. Sie zu sehen, hofft er jeden Tag. Er isst und trinkt auf dem Friedhof, wo er auch schläft. Durch seine Sehnsucht und seine totale Hingabe trennt sich seine Seele vom Hiersein und vereint sich mit Gott. Die Gaben des einstmals faulen Mannes sprechen sich herum. Immer mehr Menschen suchen ihn auf, um sich von ihm segnen zu lassen. Er ist ein perfekter Diener Gottes und ein heiliger Mann geworden, auch wenn (und gerade weil) die Prinzessin nie auftaucht.

Der Rechtgläubige versteht den Weihrauch und die Düfte, meint Rabbi Aharon Kohen aus Apta. Sie stehen für etwas anderes. »Überall, wohin er schaut, sieht er nur das Heilige und das Sein.«

Sarah schminkte und schmückte sich zum Ruhm des Himmels, heißt es auch in dem alten Buch. Es geschieht, um auf den Schmuck der (weiblich geprägten) Schechina hinzuweisen, die geheime Gegenwart Gottes, Er sei gepriesen. Eine solche Schönheit beruht auf dem Glanz der Schechina. Jeder Mensch, der sich schmückt, weist auf den Schmuck der heiligen Schechina hin; das Körperliche ist nur ein Zeichen und ein Indiz für übernatürliche Schönheit. »Geht hinaus und seht, ihr Töchter von Zion!« heißt: Geht hinaus und seht das Heilige in den Dingen.

DSCN4577Moshe Idel nennt diesen Gedanken den »Kult der Schechina«, die als weibliche Kraft im Judentum viel gilt. Im Chassidismus im Osteuropa huldigte man ihr besonders. Dafür wurden die »Chassidim«auch kritisiert. Rabbi David aus Markow beschrieb sie als »faule Leute, die nur herumquatschen und sagen, dass, wer auf dem Markt Frauen anstarrt, seine Gedanken zu Gott erhebt«. Idel meint dazu, die letzte entscheidende Umwandlung des Platonismus in Europa werde verkörpert durch »die bescheidenen Chassidim im 18. Jahrhundert, die auf den Märkten Polens schöne Frauen suchten, um ihre Gedanken zu Gott erheben«. (Illustration: Schönheit aus Pisa, auf dem Camposanto monumentale)

Doch im Chassidismus war die Frau nur Mittel, selten aktive Führerin (wie eigentlich die Prinzessin in unserer Geschichte). Der Autor (M. Idel) erwähnt, dass im Mystizismus Ibn `Arabi eine spirituelle Führerin hatte (Nizam), und auch Guillaume Postel (Sister Juana). Agrippa von Nettesheim, der Magier an der Schwelle zum 16. Jahrhundert, schrieb, die Frau habe einen höheren religiösen Status als der Mann.

(Moshe Idel, Kabbalah & Eros, New Haven: Yale University Press 2005; S. 157-178)            

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