Schlusspunkt Paris

Noch in diesem Monat sollen die französischen Superschnellzüge (Trains à grand vitesse – TGV) die großen Städte des Landes in wesentlich kürzerer Zeit als bisher Paris erreichen können. Das Land schrumpft zusammen, der Raum verliert an Bedeutung …

Dieser Gedanke war bereits vor 25 Jahren geäußert worden, so erinnere ich mich, als man mit dem TGV in wenigen Stunden von Lille nach Paris gelangen konnte. Damals zischte zwar schon der japanische Shinkansen durch die Lande, aber Japan war weit weg. Also in 2:20 von Bordeaux nach Paris statt in 3:10, in 2: 30 Stunden von Lyon nach Paris statt in 3:30. Es gibt Leute, die täglich die Strecke fahren, weil sie in Paris arbeiten. Das ist ohnehin völlig irre und falsch, aber diese Leute freuen sich.

Ein Schaubild in den französischen 20-Uhr-Fernsehnachrichten machte den alten Gedanken des zusammenschrumpfenden Landes optisch klar: Man sah, wie Frankreich kleiner wurde. In abenteuerlicher Konsequenz äußerten die Autoren (was nicht ernst gemeint war), im Endzustand werde Frankreich ein Punkt sein, und dieser Punkt hieß: Paris. Das zeigt nicht nur die Besessenheit der Franzosen mit ihrer Hauptstadt, sondern zeigt auch eine Variante der großen Vereinigung. Die Herzen mögen im Gleichklang schlagen, ein Vaterland mit einer Muttersprache.

Das wilde Denken. Bild von Rolf Hannes

Das wilde Denken. Bild von Rolf Hannes

Durch die pausenlose Flüge in Europa liegt ja Rom nur noch eine Stunde von Basel weg, Paris nur noch 40 Minuten. Doch das wird ausgeblendet, Lufttransport ist unheimlich und gilt nicht. Wir sind eigentlich Landwesen. Die superschnellen Züge erinnern einen tatsächlich ans Internet, das einem die Welt verzerrt und abstrahiert. Das Ferne rückt mir nah, das Nahe verliert. Wie oft musste schon der Nahverkehr auf der Rheintalstrecke (zwischen Karlsruhe und Basel), weil die ICEs Vorrang hatten?

Wir übersehen ja nicht die vielen Vorteile. Doch das Nahe des Fernen ist auch beängstigend. Martin Heidegger sagte 1950 in seinem Vortrag »Das Ding«: »Was ist die Nähe, wenn sie, trotz der Verringerung der längsten Strecken auf die kürzesten Abstände, ausbleibt? Was ist die Nähe, wenn sie durch das rastlose Beseitigen der Entfernungen sogar abgewehrt wird? Was ist die Nähe, wenn mit ihrem Ausbleiben auch die Ferne wegbleibt? Was geht da vor sich, wenn durch das Beseitigen der großen Entfernungen alles gleich fern und gleich nahe steht? Was ist dieses Gleichförmige, worin alles weder fern noch nahe, gleichsam ohne Abstand ist? Alles wird in das gleichförmig Abstandslose zusammengeschwemmt. Wie? Ist das Zusammenrücken in das Abstandlose nicht noch unheimlicher als ein Auseinanderplatzen von allem?«

DSCN0584Genau das, was die französischen Journalisten an die Wand malen: das Zusammenrücken in das Abstandslose. Ein weiterer Aspekt: Diese spirituell hohle Gesellschaft verfolgt konsequent das Ziel, alles immer schneller zu machen. In zehn DSCN4572Jahren fährt man dann in einer Stunde von Straßburg nach Paris. So what? Paris ist wunderschön, ich war 1994 letztmals dort, könnte in 5 Stunden hinfahren, aber im Moment weiß ich nicht, was ich dort sollte. Verliebt sein sollte man, wenn man nach Paris will.

Also: immer schneller. Taugt das etwas als Ziel? Immer mehr. Immer besser. Das ist ein Credo, das man nicht formulieren muss, man kann daran arbeiten Tag für Tag und wird ihm näherkommen, diesem Punkt. Erreichen wird man ihn nie. Was ist er denn? Die Gesellschaft weiß, was sie tut, wenn sie diesen Punkt nicht definiert, weil sie nicht weiß, was sie tut. Wir leben wie die Kinder, die nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben. Der Punkt ist das Schwarzes Loch, das alles aufsaugt und verschlingt und dem wir entgegenjagen, ohne es zu wissen.

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