Das Murmeln des Bachs

Ein weiteres Buch über das Leben im ländlichen Frankreich kann ich vorstellen: Comme le murmure du ruisseau von François Gantheret (geboren 1934 in Dijon), erschienen 2006. Nur 158 Seiten, aber ein veritabler, sehr gelungener Roman. Man kann eine gute Geschichte in karger und präziser Sprache schreiben, wenn jeder Satz durchdacht ist.

Paul Denonne ist Psychiater in Paris. Aufgewachsen ist er auf einem Dorf in Hochsavoyen, das nur 30 Einwohner hat. (Passt zu meinem Beitrag In Frankreich leben.) In dem Ort Anglette lernt er Claire kennen, und die beiden 17-Jährigen verbringen zwei verliebte Sommer miteinander. Doch im September 1976, nachdem sie sich am Bach getrennt haben, findet man Claire tot auf, von jemandem auf brutale Weise mit einem Stein erschlagen. Léa wird aus der Welt gerissen …

Paul geht nach Paris, und als die Geschichte einsetzt, besucht er das Dorf wieder und erinnert sich an Claire. Seine Beziehung zu Laurence, mit der er 20 Jahre gelebt hat, ging vor zwei Jahren zu Ende. Seither fühlt er sich etwas einsam.

Er spielt mit dem Gedanken, das Chalet zu erwerben, in dem Claire mit ihren Eltern lebte, als plötzlich Béatrice auftaucht, die 25-jährige Schwester Claires, nach deren Tod zur Welt gekommen (auch Paul hat eine Schwester, die vor seiner Geburt starb). Sie ist Pianistin – Claire hatte nichts vom Piano wissen wollen – und sagt Paul gleich: Ich bin nicht Claire. Aber Paul bewundert sie, und sie fühlen sich voneinander angezogen, obwohl der Mann 20 Jahre älter ist.

Auch der alte Charles ertrinkt am Bach, er war alt, ein Schwächeanfall. Was ist damals geschehen? Der Leser erfährt es (und ahnt es schon etwas vorher), Paul weiß es nicht, es spielt auch keine Rolle, er kauft ein Klavier, damit Béatrice auch im Chalet üben kann. Sie meint, sie habe Klavier gespielt, um in der Musik zu versinken, um die stets fühlbare Tragödie der Vergangenheit zu übertönen; vielleicht gerade deshalb, weil Claire nicht spielen wollte.

Wir reagieren in unserem Leben auf Reize, wir suchen unseren Weg, und dann findet sich eine Erklärung für alles, aber was erklärt das? Irgendeinen Weg müssen wir gehen, irgendwie müssen wir uns verwirklichen, und dies tun wir in Abstimmung und in Gegnerschaft zu Faktoren in unserer Umgebung. Nichts ist da richtig oder falsch; es ist einfach so. »Kontingenz« nennt der Philosoph die Lebensumstände und alles, was eben so ist, wie es ist; ich könnte dies aber genausogut Schicksal nennen.

Wir werden in eine Lage hineingeboren (oder hineingeworfen, Heidegger sprach so) und orientieren uns am Vorgefundenen. Wir brauchen darum Grenzen und Markierungen, die Energie muss in Form gegossen werden. Wenn ich alles tun könnte, kann ich genausogut nichts tun. Es ist gut, dass es Beschränkungen gibt. Wir müssen sie überwinden und an ihnen wachsen.

Wie kam ich an das Buch? Ich suchte eins mit der Endnummer 981, ging aber irrtümlich zu 891. Ein kleiner Roman auf Französisch stand da, wirkte edel und ansprechend, also holte ich ihn mir. Die Wahlen zum französischen Präsidenten stehen bevor. Attention! Wir berichten. Oder nicht.

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