Das Licht der Welt

Ich wollte in nächster Zeit ein paar Bücher mit Liebesgedichten aufarbeiten, die bei mir auf einem Tisch liegen. Zuerst aber fiel mein Blick auf ein großartiges Langgedicht von Derek Walcott, das The Light of the World heißt …

Einfach grandios. Die pure Nacherzählung und ein paar Zitate daraus geben die ganze Schönheit nicht wieder. Wir müssen uns damit zufriedengeben. Das Gedicht – oder die Erzählung – stammt aus Walcotts Arkansas Testament von 1987. Kann jeder wiederfinden, wenn er will. Walcott ist ja ein Schwärmer, ein Mystiker, der alles sieht und viel leidet.

Auf einer unschuldigen Busfahrt zu seinem Hotel sieht er SIE. Ach, wie oft ist mir das auch passiert: Man sieht ein Wesen, dem man nicht nahekommen kann (oder will), man malt sich ALLES aus, aber dann ist es/sie weg, es ist zu spät, man ist erleichtert und auch unsagbar traurig. Das kann immer wieder passieren, und man weiß nicht, ob man es sich wünschen soll: Denn man lässt SIE ja immer wieder davonziehen.

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Walcott ging es genauso. So fängt es an:

Marley was rocking on the transport’s stereo
and the beauty was humming the choruses quietly.
I could see where the lights on the planes of her cheek
streaked and defined them … I imagined a sweet and powerful
odour coming from her, as from a still panther.

Marleys Musik, die Schönheit summt mit, und er sieht die Schatten ihrer Wangen und stellt sich ihren Geruch vor, den eines unbewegten Panthers.

When she looked at me, then away from me politely
because any staring on strangers is impolite,
it was like a statue, like a black Delacroix’s
Liberty Leading the people …

Sie schaut zu ihm her, aber wieder weg, und sie wirkt wie eine Statue von Delacroix mit schwarzer Hautfarbe, und er denkt: O Beauty, you are the light of the world!
O du Schönheit, du bist das Licht der Welt.

Sechzehn Leute unterwegs zwischen Gros Islet und the Market, der Wagen füllt sich, der Erzähler sitzt vorn und hat Zeit, beobachtet zwei Mädchen, dann sieht er eine alte Frau, die herbeieilt. Ihr Korb steht weiter weg, ist ist in Panik und sagt: Pas quittez moi à terre. Lass mich nicht auf der Erde zurück, himmlisches Gefährt. Dieser Satz wird dem Dichter zum Motiv. Sie, diese Menschen, würden dennoch auf Erden zurückgelassen werden, und sie müssten zurechtkommen. Verlassenwerden waren sie gewohnt. Und er, Walcott (oder der Erzähler), weiß, dass er sie verlassen hat, dass er nicht mehr zu ihnen gehört. Er war in den USA, er gehört zu anderen Kreisen. Ach.

I was deeply in love with the woman by the window.
I wanted to be going home with her this evening.
I wanted her to have the key to our small house
by the beach at Gros Islet; I wanted her to change
in a smooth white nightie  that would pour out like water …

Er war so verliebt in die Frau am Fenster, er wollte mit ihr heimgehen, ihr den Schlüssel zu seinem Haus geben, und ein Nachtgewand sollte sie sich anziehen, und er würde ihr zuflüstern, dass ihr Haar wie ein nächtlicher Bergwald aussähe und dass er ihr das Land Benin kaufen und sie auf Erden nie mehr verlassen würde (never leave her on earth – das kann auch heißen sie nie auf der Erde zurücklassen würde).

Because I felt a great love that could bring me to tears,
… I was afraid I might suddenly start sobbing …

Dieses Gefühl der Liebe brachte ihn zu Tränen, er fürchtet, gleich losschluchzen zu müssen, er wollte, diese Reise würde kein Ende nehmen (wanted the transport to continue forever), sie sollte in seine Küche kommen, aber es kam sein Halt, er musste aussteigen. Das ist herzzerreißend, wie gut ich das kenne, und er sagte nichts zum Abschied, denn

Good night would be full of inexpressible love.

Sein Gute Nacht wäre getränkt von unausdrückbarer Liebe. Er wendet sich ab. Jemand ruft ihn. Hey! Er hat seine Zigaretten vergessen. Er nimmt sie und verbirgt seine Tränen und schreibt dann so großartig

There was nothing they wanted, nothing I could give them
but this thing I have called ’The Light of the World’.  

Sie wollten nichts zurück, und er konnte ihnen nichts geben – nur dieses Ding, das er Das Licht der Welt nannte. Er hat es hergegeben, und was kann ich mehr tun, als darauf hinzuweisen?

Das Buch Kritische Masse, das ich im Frühjahr 2004 schrieb und das kürzlich wieder neu herauskam, war auch inspiriert durch ein Konzert der William Parker Band, in der Leena Conquest mit Amiri Baraka sang (das schreckliche Foto habe ich mit meiner alten Kamera in Rom gemacht), und das (und SIE) ging mir unter die Haut. Ein paar Jahre später sah ich sie noch einmal wieder, weil ich das wollte; es war in Vicenza, ich passte sie dann am Ausgang ab und ging ein paar Schritte mit ihr, und sie sagte Write me an e-mail! Es kam keine Antwort, aber sie hat mich begeistert und befruchtet, Leena, und so leben wir unser Traumleben mit Traumgefährtinnen, wie schön!

 

 

Ein Kommentar zu “Das Licht der Welt”

  1. Regina

    Lieber Mandy! – sehr schön – ein anderer großer Dichter meint: „Oft leiden wir Hunger und Durst und Sehnsucht, ohne zu bedenken, daß vielleicht die Sättigung unser Verderben wäre, und daß unser Heil gerade im Mangel liegt“. Lieben Gruß gina

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