Lenz

Georg Büchner verbrachte die letzten vier Monate seines Lebens in Zürich. Mitte Oktober 1836 zog er in die Spiegelgasse 12, wurde Privatdozent, erkrankte an Typhus und starb am 19. Februar 1837. Später lebte Wladimir Iljitsch Lenin im Haus daneben, und 1917 reiste er wieder ab. Er hatte in Moskau etwas vor. Gedenktafeln gibt es für beide, aber auf Stadtführungen wird die für Büchner gern unterschlagen. Wer kennt den schon?

Der hessische Mediziner schrieb in den letzten beiden Jahren seines kurzen Lebens Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena sowie das Fragment Woyzeck. Reicht allemal für die Unsterblichkeit. Lenz und Woyzeck sind düstere, ausweglose Geschichten, und darum werden sie gern »modern« genannt. 

»Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg.« Ein berühmter erster Satz. »Am Himmel zogen graue Wolken, aber Alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nicht’s am Weg, bald auf- bald abwärts.« Lenz ist ein unglücklicher Mensch, besucht den Pädagogen Oberlin, quält sich so dahin, und am Ende, »bei trübem regnerischem Wetter traf er in Straßburg ein. Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er tat Alles wie es die Andern taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin.«

Büchner hatte den verbürgten Besuch des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) bei Oberlin als Anregung genommen. Dieser echte Lenz kam 1771 nach Straßburg, traf Goethe und verehrte ihn, schrieb Herder und Lavater, den er im Mai 1777 (zwei Jahre nach Goethes Dorthineilen) in Zürich auch besucht. Aus Weimar aber hat ihn Goethe fortgeschickt, wegen einer »Eseley«. Nach vielem Herumirren kommt der psychisch instabile Lenz nach Moskau, wo er im Juni 1792 in einer Straße tot aufgefunden wird.     

Im Mai sprach mich in Roeselaere in Belgien der Amerikaner David V. Herlihy an, Autor eines opulenten Buchs über die Fahrradgeschichte (Bicycle – The History, 2004). Er wolle mir sein jüngstes Buch schenken, The Lost Cyclist (2010). Dann schrieb er mir eine Widmung hinein.

Herlihy signiert für mich das Buch The Lost Cyclist

Das Buch liest sich spannend. Der 1869 geborene Deutsch-Amerikaner Frank G. Lenz (der zweite Vorname steht für George) aus Pittsburgh bricht mit dem Rad und einer großen Fotoausrüstung zu einer Weltreise auf. Er fährt nach New York.  Es ist Anfang Juni 1891. »Schließlich war für Lenz die Zeit der Abreise gekommen. Ein Reporter beschrieb die dramatische Szene: ›Pünktlich um 3 Uhr stieg Lenz langsam auf seine Maschine … und dann rollte er den Broadway hoch.‹«

Er durchquert die Vereinigten Staaten (5000 Kilometer), reist auf dem Schiff nach Japan, das er auch befährt, und dann kämpft er sich durch China und Indien. Mitte April 1892 hält er sich in Teheran auf, bevor er Täbris ansteuert. Der persische Kronprinz Mosaffar al-Din Schah fotografiert ihn. Es ist das letzte Foto des 23-jährigen Radreisenden, der darauf wesentlich älter aussieht. 

Umschlag von The Lost Cyclist: Es ist das Foto des persischen Kronprinzen

Im letzten Brief aus Teheran schreibt Lenz: »Ich muss gestehen, dass mich etwas Heimweh überfallen hat. Ich bin müde, bin es sehr müde, ein ‚Fremder’ zu sein. Ich sehne mich nach dem Tag, der mich wieder am heimischen Herd sieht, an dem meine Wanderfahrten zu Ende sind.«

Er will quer durch die Türkei: auf dem schnellsten Weg nach Istanbul und Europa. In der Nähe von Erzurum übernachtet er noch, es ist der 9. Mai, vor einem Pass. In dem wilden Gebiet, in dem Kurden und Türken gemeinsam gegen Armenier ziehen und Banden die Dörfer unsicher machen, blieb Lenz verschollen. Nur noch Teile seines Fahrrads werden gefunden. Wo genau und wie er starb, erfuhr man nie.

Ein Kommentar zu “Lenz”

  1. Rolf Hannes

    Lieber Manfred,

    unsterblich machte Büchner auch Der Hessische Landbote. Was er darin schrieb, ist so geistesgegenwärtig und hochaktuell für unsre Zeit, wie kaum ein andres politisches Statement:

    Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!

    So beginnt die Erste Botschaft auf der ersten Seite des Hessischen Landboten. Und Büchner sagte damit nichts andres als: Friede den Aufrechten! Krieg den Abzockern!

    Vielleicht komme ich darauf in http://www.futura99.de demnächst zu sprechen.

    Gruß
    Rolf

Einen Kommentar schreiben: