Alptraum Tourismus

Am 12. August schon hatte ich das geschrieben: »In Barcelona und Venedig lehnen sich die Einheimischen gegen den Massentourismus auf. Sie ziehen protestierend durch die Stadt. Das ist ein Menetekel. Und irgendwie war das zu erwarten.« Und dann setzte ich die Überschrift Der Terrorismus-Tourismus drüber, die dann nicht mehr passte, weil 8 Tage später das Attentat passierte. 

Der primitive Killer-Terrorismus trifft die Touristen, weil sie sich an den schönen Orten bedeutsamer Städte aufhalten. Diese blindwütigen Attacken sind eigentlich ein Alptraum, eine Monstrosität, die nur ein böser, verblendeter Geist erfunden haben kann. Doch für manche Menschen, die zufällig in bedeutsamen Städten wohnen, wie es sich die Touristen wünschen, ist der ganze Sommer ein Alptraum, wenn die Touristen einfallen.

Die Kreuzfahrtschiffe, die Tausende Reisende in historische Städte pumpen, und airbnb, dessen Angebote ganze Stadtviertel zu Gettos ausländischer Touristen machen, haben die Krise verschärft. Zu lesen war dies in einem Artikel von La Repubblica, die ich täglich konsumiere. Er geht auf eine Recherche des Londoner Guardian zurück.

In Oviedo in Spanien ist die Aufschrift Hipsters y turismo / nuova forma del terrorismo auf einer Wand aufgetaucht. Die Touristen kommen, laufen ein paar Tage in einer Stadt umher und verschwinden wieder. Wenn die Einheimischen wenigstens finanziell etwas davon hätten! Aber wie in Kenia und Indien fließen die Gelder in die Kassen der großen Hotelketten. Ein paar Jobs für Einheimische fallen ab, doch das ist es schon gewesen. Die Touristen laufen mit ihren Kameras umher und stören das Alltagsleben. Die Glücklichen, die in Venedig leben dürfen, sind zu Unglücklichen geworden; sie sind wie Komparsen eines Theaterstücks, ohne dafür bezahlt zu werden.

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Herumzulaufen und bloß zu schauen, irgendwo einen Kaffee zu trinken ― das war bislang noch kostenlos. Doch an angesagten Destionationen wird es dazu kommen, dass der Eintritt in die Innenstädte kostenpflichtig wird. Alles Denkbare wird ökonomisch verrechnet, und das ist nicht die Schuld der Venezianer oder Barcelonesen, sondern die Folge einer Massenkultur, die keine Gnade kennt.

Der Tourist saugt den kulturellen Unterschied auf, den er wahrnimmt. Und er verändert die Welt, in die er eindringt. Begehrlichkeiten entstehen, er wird ausgebeutet und benutzt, aus einer Art Notwehr heraus. Es sind aber wenige, die profitieren. Die meisten stehen dem Phänomen ohnmächtig gegenüber. Irgendwann wird es sich ein normaler Mensch nicht mehr leisten können, im Zentrum von Venedig und Barcelona zu leben; man drängt ihn hinaus.

Der Massentourismus ist verderblich. Er zerfrisst das Ambiente, in das er eindringt, wie Wanderheuschrecken ganze Felder kahlfressen. Allmählich wird das ganze Elend deutlich: Auto-Staus überall, Hektik und Stress, da die Vergnügungssucht überhand nimmt. Nun erkennt man, wie verderblich es ist, allen alles zu gestatten. Das gilt auch für das Ökosystem Erde. Alles wird bis ins Letzte ausgereizt, alles stößt an seine Grenzen.

 

 

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