Angelus Silesius

Größtmögliche Nähe ist Verschmelzung, ist Identität. Jemand wird zu dem, was er betrachtet oder liebt. Das ist eine Erscheinung der Mystik, und im Barock gab es ein paar große Mystiker, zu denen der Schlesier Angelus Silesius zählt. Seine Epigramme sind kleine Juwelen.

Johann Scheffer nannte sich, als er 1653 zum katholischen Glauben übertrat, Angelus Silesius, den schlesischen Boten (der Engel oder anggelos auf Griechisch ist der Bote).  Er hatte sich von den Werken des Jakob Böhme fesseln lassen, der in Scheffers Geburtsjahr 1624 in Görlitz, auch in Schlesien, starb. Er war der berühmteste deutsche Mystiker. Jodorowsky meinte einmal, nach der Epoche der Religion mit ihren Regeln und Gesetzen werde die Mystik folgen müssen, die allein auf dem Gefühl und dem Willen beruht, die Autonomie schenkt.

Der Mystiker verbannt alle Gedanken und spricht nicht, weil Erfahrungen des Einsseins schwer zu übermitteln sind, außer in Paradoxien. Der Mystiker meditiert. Sein Ich löst sich auf, sein Geist löst sich von ihm und heftet sich an das, worauf er sich konzentriert. Er ist nicht mehr da und wird eins mit einer Blume, einem Stein. Und damit ist er Teil der Schöpfung. Unser Bewusstsein kann sich entfernen und überall sein. Das ist ein Wunder.

Angelus Silesius hatte sich vom Protestantismus abgewandt, weil dieser nichts von mystischen Erfahrungen hielt. In Straßburg, Leiden und Padua hatte er Medizin und Philosophie studiert. 1654 war er Hofarzt von Kaiser Ferdinand III., 1661 ließ er sich in Breslau zum Priester weihen. Bis zu seinem Tod 1677 arbeitete er als Armenarzt und verschenkte sein Vermögen. Angelus Silesius war Zeitgenosse von Andreas Gryphius, einem weiteren schlesischen Dichter, dem Künder der Vergänglichkeit (bei manipogo: Morgen Sonnet; Gryphius).

Ein paar Epigramme des großen Schlesiers:

Mit Schweigen wird’s gesprochen

Mensch, so du willst das Sein der Ewigkeit aussprechen,
So musst du dich zuvor des Redens ganz entbrechen.

Was du willst, ist alles in dir

Mensch, alles, was du willst, ist schon zuvor in dir,
Es lieget nur an dem, dass du’s nicht wirkst herfür.

Der Himmel ist in dir

Halt an, wo laufst du hin, der Himmel ist in dir;
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

Du musst, was Gott ist, sein

Soll ich mein letztes End und ersten Anfang finden,
So muss ich mich in Gott und Gott in mir ergründen
Und werden das, was er: ich muss ein Schein im Schein,
Ich muss ein Wort im Wort, ein Gott in Gotte sein.

Der Mensch ist Ewigkeit

Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.

Der Bach wird das Meer

Hier fließ ich noch in Gott als eine Bach zur Zeit,
Dort bin ich selbst das Meer der ewgen Seligkeit.

Beschluss

Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.

 

 

 

Einen Kommentar schreiben:


7 + = 8