Der ein anderer war

Dieses ist nun schon der 20. Beitrag, in dem es um Sir Laurens van der Post oder eine seiner Geschichten geht. Der Südafrikaner starb 90-Jährig im Dezember 1996, und seine Bücher beeindruckten mich so, dass ich ab Oktober 2013, in vier Jahren, sicher acht Bücher von ihm verschlungen habe. Das muss ich nun erklären …

Ich muss es erklären, weil J. D. F. Jones für sein Buch Storyteller. The Many Lives of Sir Laurens van der Post von 2001 fünf Jahre lang recherchierte und zu dem Schluss kam, van der Post sei ein »unverbesserlicher Lügner«. Fakten und Fiktion fließen bei ihm zusammen. Der bewunderte Autor und langjährige »Guru« von Prinz Charles und Berater von Margaret Thatcher (Lady Margaret) war hoffnungslos in sich selbst verliebt, schlug alle mit seinem Charme in den Bann und hatte einen Sinn für dunkel-romantische Geschichten. Er war ein Storyteller, ein Geschichtenerzähler, der immer mehr an das glaubte, was er über sich verbreitete. Meine Überschrift bezieht sich auf seine Autobiografie von 1982, Yet Being Someone Other, die mir ausnehmend gut gefiel. Doch Laurens van der Post war nicht der, als der er sich verkaufte.

Hat bei mir total eingeschlagen, das Buch. Ich gebe zu: Unkritisch gab ich mich seinen Büchern hin, ich verehrte die Erkenntnisse und die Brillanz des Autors. Ich fand: So müssen spannende Geschichten sein. Van der Post schrieb mit dem Gedankengut von Carl Gustav Jung im Gepäck, das klang mystisch und dennoch überlegen, und dieser Denker, der das Erlebte auf eine andere Ebene heben konnte, faszinierte mich. So meinte er, der Mann müsse »den Afrikaner in sich« befreien/zulassen oder auch den Buschmann in sich und, gern auch, das Weibliche in sich … und Biograf Jones fragte in seinem Buch scharf, warum Van der Post niemals gefordert habe, die Frau müsse das Männliche in sich zulassen. Konnte er nicht denken, alles kreiste um sich selbst, und er war halt doch ein alter Macho, ein Frauenheld und Großmaul und ein schlimmer Schwärmer, dessen Ergüsse das Peinliche streifen konnten, und ich bin drauf reingefallen.

Doch Van der Post war kein Intellektueller, und sein Stil war deshalb so gut, weil seine Frau Ingaret eingriff und seine überbordenden Metaphern zuschnitt und Ordnung in das Chaos brachte; sie verehrte ihren Mann, den sie für einen »großen Mann« hielt. Sie half ihm damals, als er mit 45 nach dem Krieg in der Krise war. Danach schrieb er sich hoch, sie musste auf eine literarische Karriere verzichten. Sie erfuhr nichts von seiner 30 Jahre jüngeren Dauerfreundin und auch nichts von den vielen anderen Affären, auch wenn sie etwas erriet.

Mr Jones sagt deutlich: »Seine Bewunderer verehrten ihn als den Inbegriff von Integrität, ohne zu erkennen, dass er nicht nach den Grundsätzen lebte, die er predigte; es war eine Verletzung des Vertrauens seiner Leser.« (S. 383) Mr Van der Post setzte sich immer in den Mittelpunkt des Geschehens, er zauberte und drehte alles so hin, dass Magie dabei heraussprang. Auch ich wollte natürlich daran glauben, was er schrieb. Ich bin im Gegensatz zu ihm immer aufrichtig und kann gar nicht anders; ich kann auch nicht lügen, weshalb ich kein guter Romanautor sein kann.

Später wurde Ingaret dement, und die junge Frau, die beide in ihren letzten Jahren betreute (nachdem Ingaret begriffen hatte, dass ihr Laurens nicht auf Reisen, sondern gestorben war, starb sie auch – im Mai 1997), meinte schnöde, ihr Klient werde immer mehr zu seiner eigenen Geschichte. Er, der sich immer für die Buschmänner eingesetzt hatte, wollte übrigens ausdrücklich keine schwarze Betreuerin.

D. F. Jones fand auch heraus, dass Van der Post in seiner Kindheit in Südafrika nie ein einheimisches Kindermädchen hatte und dass er wenig Zeit bei den Völkern der Kalahari verbrachte, für die er sich sein Leben lang einsetzte. Darin jedoch war er seiner Zeit voraus: Er wollte Reservate und Schonung für den Wildbestand (daher kam auch Prinz Charles‘ Engagement). Er war nie der Oberst, als der er sich auf Java verkaufte, er war nicht maßgeblich an der Unabhängigkeit Indonesiens beteiligt und überschätzte sich völlig.

In den letzten Jahren seines Lebens  engagierte sich Laurens für das Ende der Apartheid, blieb aber »paternalistisch«: Den Schwarzen wollte er keinen eigenen Staat geben, und Nelson Mandela schätzte er nicht: Er setzte sich lieber für Buthelezi ein, der, wie man heute weiß, Todesschwadronen unterhielt. Laurens van der Posts Briefe und Depeschen wurden immer hitziger und entfernten sich immer mehr von der Realität. Auch mit fast 90 Jahren und mit schwacher Gesundheit reiste er dann wie wild durch die Gegend, wurde immer noch umschwärmt, und dabei überanstrengte er sich wohl.

Jones findet ein versöhnliches Ende seiner Biografie. Van der Posts enge Freunde hätten sich nicht um die Widersprüche geschert: »aus Liebe zu ihm, weil er ein Mann war, der immer Liebe anzog … Alle hatten ihn geliebt.«

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