Unruhe und Architektur

Ich schreibe dauernd über die Prinzhorn-Sammlung mit ihrer Kunst von »Geisteskranken«; aber habe ich überhaupt Leserinnen und Leser in Heidelberg? Egal, jetzt ist da ein großes Ding am Laufen, die Internationale Bau-Ausstellung, die bis 8. Juli dauert, und Prinzhorn ist dabei!

Die Vielzahl der IBA-Veranstaltungen im Mark Twain Center, täglich von 15 bis 20 Uhr, schenken wir uns hier. Wir konzentrieren uns auf die begleitende Ausstellung der Prinzhorn-Sammlung in der Psychiatrischen Universitätsklinik Unruhe und Architektur. Die Vernissage ist heute (Mittwoch) Abend um 19 Uhr, und gleichzeitig wird das neue Museumscafé eröffnet, das mit Geld von Gönnern möglich wurde. — Die erste Frage in der Einleitung wurde übrigens vom Universum beantwortet: Zwei Tage nach der Abfassung des Artikels traf ich bei meiner Rennrad-Auffahrt auf den Belchen auf eine sympathische Gruppe aus Heidelberg, vom dortigen Ski-Club, und könnte sein, dass sich von ihnen mal jemand zur Prinzhorn-Sammlung verirrt. (Und nochmal die Erinnerung an Radsport furios! Ihr habt ja wie Leute ausgesehen, die auch mal was lesen. Ich wünsche euch weiter eine tolle Rennrad-Saison.)

Wandbild in La Chaux-de-Fonds (April 2014)

Wandbild in La Chaux-de-Fonds (April 2014)

Zur Ausstellung, die von Thomas Röske (Leiter), Ingrid von Beyme (Stellvertreterin), Stephen Craig und Carl Zillich einführen, schreibt das kleine Museum:

image001In unserer historischen Sammlung finden sich über zweihundert Zeichnungen mit Baumotiven. Wie alle anderen Werke dieser Zeit sind auch sie allein aus eigenem Antrieb, ohne Anleitung und außerhalb von therapeutischen Kontexten entstanden. Zum geringsten Teil stammen sie von Architekten oder anderen Fachleuten. Die Ausstellung „Unruhe und Architektur“ zeigt ein ganz eigenes Panorama von Architekturfantasien, in denen sich die besonderen Innenwelten dieser Menschen mit psychischen Ausnahme-Erfahrungen ebenso spiegeln wie die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen sie – ausgegrenzt in Anstalten – lebten.  

Daher werden die Entwürfe anders aussehen als das, was Architekten heute vorlegen oder gestern vorgelegt haben. Vom Baumeister hört man dann als Urteil über den Plan: Geht nicht. Statisch schwierig. Störend. Viele Bauwerke wurden absichtlich störend gebaut, aus der Art fallend, gekippt oder verdreht oder als aufeinandergestapelte Kuben; wenn der Architekt berühmt und viel Geld im Spiel war, ging es plötzlich. Es muss auch gar nicht verwirklicht werden, denn durch die Zeichnung hat sich schon jemand verwirklicht. Sie erweitert unsere Welt.

DSC_5011-150x150Da gäbe es noch einen anderen Blickwinkel. Der französische Philosoph Michel Foucault hat in seinem Buch Wahnsinn und Gesellschaft dargestellt, wie die »Irren«, die »Anderen« abgesondert werden und wurden, und in Überwachen und strafen hat er sivh der Architektur gewidmet: Wie es zu den Gefängnissen kam, deren Bauplan auch Kasernen, Schulen und Irrenhäusern diente, wie sie exakt aussahen und wo sie lagen. Das repressive System baute sich seine »Verschläge«, um unliebsame Menschen darin unterzubringen, und diese Architektur scheint, so kann man meinen, von bösartigen Irren zu stammen, die das störende Andere an der Peripherie ihrer Welt unterbrachten und es unterjochten. Dazu kann man auch den Roman Austerlitz von W. G. Sebald lesen, der sich mit der Anlage von Festungen, Archiven und dem Ghetto auseinandersetzt. Krankenhäuser, Ämter, Fabriken … wie sie gebaut sind, sagt uns etwas über den Menschen. (Links: Aufschrift auf einer Wand des ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses Rizzeddu auf Sardinien: Ihr hasst mich, und ich, aus Verzweiflung, liebe euch alle!)

Das ehemalige psychiatrische Krankenhaus Rizzeddu (Sassari, Sardinien). Von der Seite sardegnaabbandonata.it. Vor 40 Jahren wurden durch das Basaglia -Gesetz in Italien die "Irrenhäuser" geschlossen.

Das ehemalige psychiatrische Krankenhaus Rizzeddu (Sassari, Sardinien; von  sardegnaabbandonata.it.) Vor 40 Jahren wurden durch das Basaglia-Gesetz in Italien die „Irrenhäuser“ geschlossen.

Ich habe ja auch gern über Architektur geschrieben, etwa hier. Was wir heute gebaut sehen, ist unsere Gedankenwelt. Die ist ärmlich, es fehlen die Überraschungen. Sicher wird die Ausstellung Unruhe und Architektur einige bereithalten, und das bis zum 26. August.

Die Informationen:

Sammlung Prinzhorn
Voßstraße 2
69115 Heidelberg
www.sammlung-prinzhorn.de
https://www.facebook.com/SammlungPrinzhorn/
Besucherinformation: +49 (0)6221 / 56-47 39
Öffnungszeiten
Di bis So 11–17 Uhr, Mi 11-20 Uhr, Mo geschlossen
Öffentliche Führungen: Mi 18 Uhr und So 14 Uhr
Buchungen: +49 (0)6221 / 564492

 

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