Flugverkehr (72): Luftschiffer Giannozzo

Der erste bemannte Gasballon stieg am 1. Dezember 1783 bei Paris in die Lüfte, zehn Tage nach der ersten Fahrt der Montgolfière, die mittels heißer Luft schwebte. Jean Paul Friedrich Richter aus Bayreuth dachte 1800 an einen Gasballon. Er lässt seinen Flieger Giannozzo mit einem solchen am ersten Pfingsttag in Leipzig aufsteigen.

Vor über vier Jahren schon, anlässlich einer Zeppelin-Ausstellung in Landsberg am Lech, hatte ich einen Beitrag über Jean Pauls Luftschiffer Giannozzo in Aussicht gestellt. Hier kommt er nun. Hat lang genug gedauert, und die Serie Flugverkehr muss nach neun Monaten auch wiederbelebt werden. Die Erzählung Des Luftschiffers Giannozzos Seebuch umfasst 100 Seiten und endet damit, dass der Held auf seiner vierzehnten und letzten Fahrt abstürzt und sein Leben einbüßt. Giannozzo berichtet selbst (das Tagebuch fand sich unter seinen Hinterlassenschaften), und sein Freund Graul kommentiert zuweilen.

Start eines Ballons, 2007 bei St. Gallen anlässlich eines Treffens

Start eines Ballons, 2007 bei St. Gallen anlässlich eines Treffens

Damals, vor über 200 Jahren, war das neu, der (gedachte) Blick von oben auf die Welt, der den skeptischen, sehnsuchtsvollen Blick des Poeten – fremd hierzulande – auf sie überhöht und ins Reale übersetzt. Heute schauen wir mit Google Earth auf unseren Planeten, sehen auch das Straßennetz von Paris und den Ort, wo eine Maschine abgestürzt ist. Wir sind abgehoben, wir haben die Landkarte dreidimensional und sind so weit weg von den Geschehnissen wie ein Satellit und wie wir es schon immer waren.

Blick auf Norwegen aus dem Flugzeug (2015)

Blick auf Norwegen aus dem Flugzeug (2015)

Aber zwischen Himmel und Erde wurd ich am einsamsten. Ganz allein wie das letzte Leben flog ich über die breite Begräbnisstätte der schlafenden Länder, durch das lange Totenhaus der Erde … Die großen Wolken, die unten aufeinanderfolgten, waren der kalte Atem des bösen Geistes, der in der Finsternis versteckt lag. Ein Hass gegen alles Dasein kroch wie Fieberfrost an mir heran.

Doch dann verwandelt sich alles.

Ein helles Glänzen weckte mich. Wo wohn ich? sagte ich. Ich glitt warm angeweht auf einem unabsehlichen silbernen, aus den zu zartem Schaum geschlagenen Sternen zusammenwallenden Meere weiter – ein Meer, weich und weiß wie Schneenebel, wie Lichtduft – alle Fenster meiner Hütte schimmerten – ich war ganz erleuchtet – Ich schiffte in dem über die Nachterde hingedeckten Wolkenhimmel, in dessen Flut der aufgegangne Mond wie ein Schwan mit seinem Glanzgefieder alle Wogen durchstrahlend stand, eh er herausflog ins Blaue.

Die siebente Fahrt (ein Luftschiffer fährt, er fliegt nicht) ist die schönste. Giannozzo (der große Hans, für Jean, Jean Paul) landet, und es kommt ihm die schöne Teresa entgegen – dunkles Haar, schwarzes Auge −, mit der er italienisch reden muss. Sie schaut ihn an, den sie Giannino nennt, schaut aber mehr nach Norden. Warum? Ihr Geliebter wollte am Morgen kommen, rot gekleidet, auf dem Pferd; aus Norden. Giannozzo darf in der Liebe kein Glück haben, er darf nur Glück bringen.

Sie verabschieden sich, er raubt ihr einen Kuss, Adio, caro, ruft sie, Adio, carissima, er. Ein paar Meilen weiter erspäht er den roten Reiter, schreibt ein paar Zeilen auf ein Blatt und wirft es ihm hinunter: Eile, Jüngling, die schöne Teresa wartet Deiner auf dem Pharusturm!  Und Giannozzo ruft aus: »O liebt, liebt, ihr Glücklichen!«

Der Seher. Illustration aus dem 18. Jahrhundert

Der Seher. Illustration aus dem 18. Jahrhundert

Er blickt hinunter, sieht das eitle Tun an den Höfen, den Aufwand einer Hochzeit, erlebt das Schimpfen eines Mannes über die Feiertage mit, die den Profit schmälern, und so schreibt Giannozzo alias Jean Paul 1800, dieser Staat könne so umgestaltet werden, dass er ein großes Arbeitshaus würde, »alle darin schwitzend, keuchend, kartätschend, scheuernd und wütend, ohne sich nur umzugucken und ohne sich zu scheren um Lust und Liebe und Himmel und Hölle.« So ist es gekommen, ein halbes Jahrhundert später, durch die industrielle Revolution.

Giannozzo ist nicht glücklich und hat kein Glück. Seine vierzehnte Fahrt ist die letzte. Ein Gewitter lässt seinen Ballon abstürzen, sein Freund Graul findet ihn und erkennt sogleich seinen treuen toten Freund. Ob er ihm nicht erscheinen könne? Wo er lebe? »Wahrlich, ich gedenke deiner, armer Teufel!«

Ò Ó Ô

Hoffentlich ist manipogo kein Ballon, der zum Absturz verurteilt ist. Ich habe aus Vorsicht mal die Kommentarfunktion abgeschaltet, ist ja keine Schaden; die Leserin, die mir gerne schreibt, kann mir das ja auch persönlich sagen. Ab 25. Mai gilt eine Datenschutz-Grundverordnung, die mehr Privacy-Schutz verlangt und erst begriffen werden will. Hoffen wir das Beste.  

 

Ein Kommentar zu “Flugverkehr (72): Luftschiffer Giannozzo”

  1. anonymus

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