Umbruch, Auszeit, Neue Wege

Im jüngsten Psi-Info des Basler Psi-Vereins (Nr. 26, 12/2012) steht ein Interview mit Han Shan, einem der »profiliertesten deutschsprachigen spirituellen Lehrer, Autoren und Seminarleiter«, der sm 29. März in Basel einen »Achtsamkeitsabend« gibt. Früher war Han Shan erfolgreicher Unternehmer, doch nach einem Autounfall in Malaysia, den er 1995 unverletzt überlebte, krempelte er sein Leben um.   

Er sagte: »Im Anschluss hat der Unfall etwas in mir ausgelöst. Ich begann mich mit mir selbst zu beschäftigen: ›Was tue ich auf der Welt? Wo komme ich her? Wohin gehe ich? Was soll das ganze Leben überhaupt?‹« Der Unfall habe ihn zur Besinnung gebracht und ihn gezwungen, innezuhalten. Auf der Seite links daneben steht über den Heiler Thomas Young: »Sein altes Ich als Filmemacher, Soziologe, Geschäftsmann starb in einer alles umwälzenden Todeserfahrung.« 

Und über die Amerikanerin Brandon Bays, im selben Heft: »Als bei ihr im Alter von 39 Jahren ein basketballgroßer Tumor diagnostiziert wurde, begann ihre persönliche Reise, Zugang in die Heilkraft zu bekommen, die im tiefsten Teil unserer Seele wohnt.« Auch da eine einschneidende Erfahrung. The wounded healer, das kennen wir. Der Heiler ist oft selbst durch die Täler der Existenz gegangen, das ist seine Motivation. Eine Grenzerfahrung wirft einen aus der Bahn und schiebt einen auf eine neue. So einfach und grundlos fängt man nicht ein neues Leben an.  

Andalusien: Wege durchs Tal

Eine Lebenssituation kann so unerquicklich sein , dass ein kleines Ereignis genügt und zum Tropfen wird, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt; auch eine Denkpause kann einen Umschwung bewirken − ein Urlaub, der Verlust des Arbeitsplatzes, das Ende einer Beziehung. Jedenfalls wird es einen Auslöser geben. Solange man in der Routine lebt, ändert sich nichts. Ist ja einsehbar. 

Ich habe gerade Die Zeit der Psychoanalyse von Nicolas Lang (2005) gelesen, in dem es um den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901−1981). geht. Er praktizierte lange seine »Blitzsitzungen«, bei denen er seine Analysanden manchmal schon nach wenigen Minuten wieder wegschickte. Er wollte den heilsamen Schock; seine Klienten sollten zum »vollen Sprechen« kommen im Gegensatz zum »leeren Sprechen«, sie sollten mit sich konfrontiert sein, und das Damoklesschwert des drohenden Abbruchs war nach Meinung Lacans ein Mittel dazu.  

Durchschlagende Wirkung hat das nicht erzielt. Lacan wurde von seinen Kollegen angegriffen, für die eine Therapie-Stunde eben 45 Minuten dauerte. Aber Jacques Lacan war auch ein gewiefter Theoretiker, und mir gefällt es, wie die Theorie der Physik herangezogen wird, um das nötige »Ausbrechen« zu erklären. Im Jahr 1931 präsentierte der österreichische Mathematiker Kurt Gödel seinen »Unvollständigkeitssatz«. Darin heißt es, entweder besitze ein System innere Widersprüche, oder aber es gebe in ihm mindestens eine wahre Aussage, die innerhalb des Systems nicht beweisbar sei. (S. 159)

Solange man sich innerhalb des Systems bewegt, kann man nichts über den Wahrheitswert dieser Aussage sagen. Ein folgenschweres Axiom. Es gibt also Probleme, die unlösbar sind: innerhalb des Systems. Bei Maschinen. Man hat ja früher die Psyche als Maschine gedeutet. Sybille Krämer schrieb, ein formalisiertes System könne »nicht aus sich herausspringen«. Sie fährt fort: »Die Auszeichnung unserer Vernunft liegt nicht nur darin, einer Regel folgen, sondern auch darin, eine Regel gegebenenfalls außer Kraft setzen zu können.« (193) (Foto: an der Costa Blanca, Spanien)

Man muss also sich aus dem System hinausbegeben, um es richtig sehen zu können. Dazu braucht es manchmal massive Eingriffe, und mancher Unfall mag ein unbewusstes Hinausspringen aus einer Situation sein; aber man kann sich auch eine Auszeit nehmen, eine Denkpause, und das hilft manchmal, wenn auch nicht immer.               

 

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