Geheime Liebe

Der Samurai solle seine Liebe nicht erklären, heißt es in dem Buch Hagakure von Jōchō Yamamoto (1659-1719), der sich von der Welt zurückgezogen hatte und Priester geworden war. Das Buch, das sein Schüler Tsuramoto Tashiro aufgeschrieben hatte, war lange verschollen, und in der Neuzeit machte es erst der Schriftsteller Yukio Mishima (1930-1975) in Japan bekannt.

Im Buch II sagt Yamamoto: »Die höchste Liebe ist, glaube ich, die geheime Liebe. Wenn sie nach draußen gebracht und geteilt wird, verringert sich die Liebe. Das ganze Leben sich nach Liebe zu sehnen und aus Liebe zu sterben, ohne auch nur einmal den Namen des oder der Geliebten auf den Lippen zu führen, das ist die wahre Bedeutung der Liebe.« Dieses Geheimnis bewahre man bis ins Grab.  

Yamamoto schrieb auch: »Ich habe entdeckt, dass der Weg des Samurai der Weg des Todes ist.« Sobald der Samurai seine Wohnung verlasse, befinde er sich in Feindesland und müsse auf das Schlimmste gefasst sein; und auf den Tod ist er immer gefasst. Darum kann er alles erreichen. Das ist es auch, was die Mystik meint, wenn sie sagt, man müsse sterben vor dem Tod. Wer sein Ich verloren hat, kann nichts mehr verlieren; er wird ohne Angst handeln und nur das Richtige tun.  

Illustration: Rolf Hannes

 

Der Samurai vereint den Mönch und den Soldaten. Er hat seine Wurzeln im Mittelalter, in der höfischen Liebe des Troubadours und Ritters. Hagakure sei auch ein Buch der Liebe, schreibt Mishima. Im alten Japan habe man die körperliche Liebe gekannt (koi), aber nicht die geistige (ai), die in etwa den griechischen Begriffen eros und agape entsprächen. Mishima meint, in Japan gebe es so etwas wie Patriotismus nicht, und es gebe auch nicht die ausschließliche Liebe zur Frau. Eros und agape seien eins. Die Liebe zu einer Frau oder einem jungen Mann unterscheide sich nicht von der Treue zum Chef oder zum Souverän.  Und diese Treue sei absolut.  

Vorläufer des Samurai mit seiner unbedingten Treue waren die Angehörigen des Ordens der »Liebesgetreuen« (Fedeli d’amore)  im Italien des 13. Jahrhunderts, zu denen auch Dante Alighieri gehörte, der Dichter der Göttlichen Komödie. Sie beriefen sich auf orientalische Vorbilder und glaubten, dass man die (oder den) erkennen könne, mit der man früher zusammen gelebt habe.

Es könne vorkommen, schrieb Rûzbehân Baqlî Shîrazî (1128-1209), dass der Partner seine »Zwillingsseele« nicht erkenne. Dennoch werde man sein Geheimnis bewahren. „Das ist das geheime Gesetz, dem der Liebesgetreue folgt, der sein Geheimnis nicht preisgibt und stirbt, ohne davon gesprochen zu haben.« Der Prophet spricht, und wohl ist Mohammed gemeint: »Wer, vom Feuer der Liebe verzehrt, stirbt, der stirbt als Märtyrer.«  

Im spirituellen Orient, vor allem im Sufitum, waren Gedanken und Gefühle etwas Konkretes und in einem eigenen Raum aufgehoben, der zwischen dieser Welt und der Engelwelt lag. Und da dieses Reich – je nach Region hurqâlyâ, Erân-Vêj oder âlam-al mithâl −  näher am himmlischen lag, betrachteten es die Sufis als realer als die unsere Welt.   

Aber in einem neueren Werk habe ich die Ansicht auch gefunden. Die lettische Autorin Zenta Maurina (1897-1978) schreibt in ihrer Autobiografie Nur das Wagnis ist schön (1953): »Unerwiderte Liebe ist ein Fluch, aber eine verschwiegene, nie ausgesprochene ungestillte Liebe ist ein unverlierbarer unterirdischer Schatz.«

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