Der Leiter

Noch eine Anmerkung zu Frankreich. Die Franzosen sind scharfe Denker, und ihre Philosophie (und Soziologie, Ethnologie) ist unerreicht, finde ich. Meine Favoriten: Lévy-Strauss, Barthes, Merleau-Ponty und von früher Diderot und Voltaire. Vor ein paar Tagen hatte ich plötzlich aus meinem Regal Membres Fantômes (des corps musicien) in der Hand, Autor Peter Szendy, 2001. Erschienen bei den Éditions de Minuit, Paris. Daraus etwas …

Das Buch hat nur 158 Seiten, aber wir wissen ja, dass kleine Bücher oft mehr vermitteln als dicke. Exquisite Gedanken hat Herr Szendy zu bieten. Es geht um Musik und die Instrumente. Wie diese den Körper ausdehnen, wie der Körper auch Instrument sein kann. Sätze wie den folgenden finde ich anbetungswürdig: »Die Folgen einer mimetischen Besessenheit des Körpers durch die Stille selbst könnten immens und unberechenbar sein. Was bliebe von einem Körper, den man ›den eigenen‹ nennt, den man stumm nennt (bin ich nicht so sicher: si sa mutique heißt die Stelle), wenn sein einfaches Da-Sein , still und unbeweglich, überdies eine Figur ist, sogar eine Besessenheit 

Manchmal erlebt man eine Offenbarung. Szendy zitiert auf Seite 122 einen Korrespondenten der Allgemeinen musikalischen Zeitung über ein Konzert von Louis Spohr in London 1820, der schreibt, in England nenne man den Begleiter am Piano conductor, wie lightning conductor oder Blitzableiter. Auch bei einem Konzert von Händel in London 1784 nennt man den Chef conductor. Szendy spricht 200 Jahre nach dem großen Magnetiseur Franz Anton Mesmer, der ja in Paris wirkte, von »Fluidum« und einem Art »animalen Magnetismus«, der zwischen Dirigent und Musikern am Wirken sei. Er weist auf den Stromleiter hin (conductor), der Energie verteilt, auch Emotionen, über die Entfernung. »Der conducteur ist eine faszinierende telepathische Maschine«, schreibt Szendy. Da spielt auch Erotik mit, ganz klar.  

Stadtjugendkapelle Landsberg/Lech

Könnte es sein, dass unser Leiter (Zweigstellenleiter, Geschäftsstellenleiter, Werkstattleiter) immer noch daher kommt: von dieser Eigenschaft, Elektrizität (Energie) leiten zu können, von oben an die anderen weiterzugeben oder es funken und donnern zu lassen? Gute Leitungseigenschaften sind wichtig.

Wir wissen, dass immer zuerst ein konkreter Begriff da war, der dann für ein Abstraktum verwendet wurde. Etymologie (Wortherkunft) ist keine Wissenschaft, aber Hinweise können wir ernst nehmen. Zum Beispiel hat man unter Homer Orchester die Bühne genannt, später (bis 1800) den Bau, in dem die Musiker auftraten, und schließlich bezeichnete es die Truppe selbst.

Einen Kommentar schreiben:


1 + = 3