Abgefahren!

Heute Abend lesen im Neuen Wiehre-Bahnhof in Freiburg um 20 Uhr Autorinnen aus ihrem Bändchen Abgefahren! Sie haben Geschichten und Gedichte über das Thema Freiburger Hauptbahnhof geschrieben und ein 74-Seiten-Buch daraus gemacht. Es sind neun Frauen, die sich zu diesem Projekt zusammengetan haben.

Man sollte Rezensionen gleich schreiben. Ich saß in Zürich am See, ich erinnere mich, hatte das Büchlein bei mir und las es und fand mich gut unterhalten. Dann habe ich es vor mir hergeschoben und jetzt ist der Schwung dahin, außerdem kann ich nicht bei der Lesung sein, weil ich in Südfrankreich sein sollte. Ellen Göppl, die mir das Buch geschenkt hat, wird das verstehen. 

TGV-Bahnhof Avignon

Sie hat eine spannende Krimigeschichte geschrieben, die in einem ICE spielt, der in Freiburg ankommt. Sie ist ausbaufähig und hat eine grimmige Pointe, und solche treten einem in dem Buch öfter entgegen. Man lernt, dass auch Frauen erotische Fantasien haben, klar, und die Hoffnung, etwas möge geschehen – wie Männer natürlich, und dann passiert (im Leben) nie etwas. Die Geschichte Come Close to Me (das flüstert ein Mann in einem Abteil einer Frau zu) ist toll und schon recht abgefahren. 

TGV-Bahnhof Avignon

Dann gibt es zwei alte Menschen, die durch den Zug sterben, und ich denke, dass diese grässliche Todesart leider von vielen gewählt wird. Diese Verzweifelten denken nicht, dass dem armen Lokführer ein Traume zugefügt wird und sie sich selbst dunkles Karma aufhalsen. Louie Harris schreibt in ihrem Buch über ihren Mann Alec Harris, das ich soeben übersetzt habe:  

»Der Selbstmord stellt keinen gangbaren Ausweg aus scheinbar unerträglichen Problemen dar: Das sei den verzweifelten Seelen gesagt, die diesen tragischen Schritt ins Auge fassen. Sie springen damit keineswegs in ein sorgloses Leben voll der Freude. Die schmerzlich empfundene Reue über das, was sie sich angetan haben und wie viel Trauer und Schmerz sie anderen zugefügt haben, indem sie sich vorzeitig ins Geistige Reich katapultierten, ist schwerer zu ertragen als die irdischen Probleme, von denen sie sich auf so drastische Art befreien wollten. Denn in Wirklichkeit gibt es nichts mehr, die Sache ungeschehen zu machen. (…) Es ist nicht gut, Selbstmord zu erwägen, um damit sich mit jemandem zu vereinen, der zuvor gestorben ist. Es mag eine lange Zeit dauern, bis es in der Geistigen Welt zu dieser Vereinigung kommt, und das Gefühl des Verlustes dauert womöglich lange an. Die Zeit auf der Erde ist flüchtig, verglichen mit der Zeit auf der astralen Ebene. Es ist besser zu warten, bis die uns zugemessene Zeit abgelaufen ist. Und das Warten wird uns leicht gemacht, wenn wir wissen, dass unsere Abgeschiedenen uns immer nahe sind. Tatsächlich sind sie nur einen Gedanken entfernt.«  

Aber das ist nur ein (düsterer) Nebenaspekt. Neun Frauen aua Freiburg haben Geschichten über Menschen am Bahnhof geschrieben, die es wert sind, gelesen zu werden.

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