Die Holzbrücke

Schön, beim sinkenden Tag an einem Kanal zu sitzen, der hinausführt aufs offene Meer. Zwei Leuchttürme; ein Schiff kehrt heim, man selbst hat Hunger und wird gleich in ein Restaurant gehen – das sind die Freuden des Radreisenden. Da muss ich an eines meiner Lieblingsgedichte denken, Dora Markus von Eugenio Montale, Nobelpreisträger für Literatur 1975.

Ich saß unweit der Mole von Marseillan-Plage, und da kam dieses kleine Boot zurück, weil der Fahrer vermutlich auch zu Abend essen wollte.

 

 

 

 Das Gedicht, an das ich dachte, beginnt so:

 Fu dove il ponte di legno
Mette a Porto Corsini sul mare alto
E rari uomini, quasi immoti, affondano
O salpano le reti. Con un segno
della tua mano additavi all’altra sponda
invisibile la tua patria vera.
Poi seguimmo il canale fino alla darsena
Della città, lucida di fuliggine,
nella bassura dove s’affondava
Una primavera inerte, senza memoria.

Da also, wo die Holzbrücke (il ponte di legno) aufs offene Meer hinausführt (sul mare alto), da waren Fischer, und du, Dora, wiest mit der Hand hinüber zu deinem unsichtbaren Heimatland (la tua patria vera). Dann wanderten wir am Kanal entlang zur Mole, und in der Ebene ging ein starrer Frühling ohne Gedächtnis (una primavera inerte, senza memoria) unter.  

Das spielt in Ravenna, und jenseits der Adria liegt Slowenien. Vor ein paar Jahren fuhr ich mit dem Fahrrad zu einem Campingplatz in der Nähe und fand auch die Brücke, die Montale meinte, nur war sie nicht mehr aus Holz. Man sah hinaus aufs Meer.

 

Wenn man zurückblickte ins Binnenland, waren da Fischer, und das Wasser wirkte grün.  

Und näher am Wasser entfernte sich ein Dampfer, dampfte ab. Dieser Kanal, hinaus aufs offene Meer, ist wie eine Verheißung für den, der Wasser mag und die Weite. Ich mag die Weite, aber der Ozean jagt mir Angst ein, darum ich bleibe lieber sitzen und schaue zu, wie die anderen abdampfen.  

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