Reinlichkeit

Aus der Universitätsbibliothek heimtransportiert vor einer Woche: einen US-Sammelband von 1977 über Medizinische Anthropologie, 1200 Seiten, ein paar Kilo schwer. War nützlich, und daraus ein paar Informationen zu Bad und zur Reinlichkeit, weil ich das für interessant hielt, nicht unbedingt für meine Projekte, aber für manipogo.

Benjamin D. Paul schreibt in seinem Beitrag über die Rolle von Glaubensformen im Gesundheitswesen: »Objektiv betrachtet, ist der Kosmos und alles in ihm moralisch neutral; nichts ist in sich gut oder schlecht, es ist einfach. Aber der Mensch kleidet seinen Kosmos in moralische Gewänder.« Er errichtet Werte, auf denen seine Kultur aufbaut. Und Reinlichkeit war nicht immer ein Wert. Heute ist das so. 

Die Griechen, schreibt Paul, hätten den Sport und die Athletik geliebt, aber keine großen Bäder gebaut. Das taten dann die alten Römer. In ihren luxuriösen Bädern verbrachten meist Männer angenehme, müßige ganze Tage. Die Frühchristen jedoch wollten sich von deren heidnischer Religion absetzen. Bäder waren für sie Einrichtungen des Heidentums und des Frevels, wo man den Körper verweichlichte, statt seine Seele retten zu wollen. Bald wurde bei den Christen selbst minimale Reinlichkeit, auf den Körper bezogen, als ein Weg zum Untergang betrachtet. Der asketische Heilige war immun gegen den Schmutz; ein Mann, der sich pflegte, konnte kein guter Christ sein. (Illustration: unser Bad in Rom.) 

Im Mittelalter jedoch nahm das Baden einen wichtigen Platz ein. Dem Körper als Behältnis der Seele sollte Sorge zukommen. Die Abteien des frühen Mittelalters hatten Badezimmer für die Brüder und Pilger. Im 13. Jahrhundert kamen Badehäuser in den Städten in Mode, in denen Dampfbäder genommen wurde, man Haare schnitt und kleine Wunsen verarztete; der Barbier war auch ein kleiner Arzt.  (Illustration: unser Bad in St. Gallen

Dann wieder der Rückschlag. In den öffentlichen Badehäusern wurde gegessen und getrunken, leichte Mädchen frequentierten sie, und Geschlechtskrankheiten breiteten sich aus, vor allem seit Ende des 15. Jahrhunderts die Syphillis, vermutlich von den Spaniern aus Amerika eingeschleppt. Der Klerus schritt ein, und bald waren die Badehäuser aus Gründen der Moralität und der seelischen Gesundheit verschwunden, und nicht einmal neu gebaute Häuser hatten mehr Bäder.  

Im 18. Jahrhundert kam die Pflege des Körpers durch die Aufklärung wieder zu Ansehen. Die sozialen Sitten verbesserten sich, geringer Komfort stellte sich ein, und das Bürgertum entstand. In Ländern mit einer wohlhabenden Mittelklasse schaute man nun auf sich. Die Holländer und die Engländer waren da wegweisend.-Heute (1977) sagen laut Paul Amerikaner, Reinheit des Körpers komme Gottähnlichkeit gleich. Reinlichkeit sei ein sehr geschätzter Wert als Weg zu einer guten Gesundheit. Und der Autor vergisst nicht anzumerken, dass US-Präsident Fillmore noch 1851 heftig dafür angegriffen wurde, dass er sich eine Badewanne kaufte.

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