Der zehnte Mann

Ein Tag Ende Januar (schon wieder einen Monat her) fing mit der Lektüre des kleinen Texts Der zehnte Mann von Graham Greene an und endete mit dem Film Blue Jasmine von Woody Allen im Kino. Zwei traurige Dinger, du meine Güte! Es sind gerade die melancholischen Leute wie ich, die dann immer sagen, sie würden gerne etwas Lustiges schreiben. Es gibt aber andere, die finden Tragödien lustig. Dann sind sie gleich gut gelaunt.

Grahame Greene schrieb einige Zeit Drehbücher, um Geld zu verdienen. Das war um 1940, als seine ersten beiden Romane nur halbwegs Erfolg hatten, aber er meinte, keine Zukunft als Romanschriftsteller zu haben. Irgend jemand hatte den »zehnten Mann« ausgegraben, an den sich Greene gar nicht erinnern konnte. Bei der Geschichte wusste man sofort: Da stand eine Idee am Anfang, und dann schaute der Autor, was daraus wurde. Klarsichtig baute er alle möglichen Fallen und Haken ein, Umschlagsmomente (Aristoteles: Peripatie, wenn alles in sein Gegenteil umschlägt) und Überraschungen. Am Ende steht man wie gelähmt vor einer Tragödie athenischen Zuschnitts. 

Grahame Greene konnte das: eine Geschichte zu ihrem schlimmstmöglichen Ausgang führen, wie es Dürrenmatt verlangte. Er konnte auch eine absurde Geschichte schreiben, und das war von 1940 bis 1960 eine Zeitströmung. Wenn ich so darüber nachdenke, dann ist die Greenesche Geschichte eigentlich mit Humor geschrieben, mit bösem britischem Humor. Und auch Woody Allen trägt ja gern dick auf, und wenn wir wollen, können wir seine Tragik für sarkastisch halten. Nehmen wir also die Tragik mit Humor, wenn sie uns nicht betrifft.

Die Versuchsanordnung im zehnten Mann: Die Deutschen halten im Krieg 32 Franzosen in einem Gefängnis fest. Nach einem Attentat werden drei Häftlinge zum Tode verurteilt; sie sollen die drei selbst auswählen. Die Männer ziehen Lose. Einer der drei Unglücklichen bietet seinen ganzen Besitz dem, der für ihn stirbt – und einer nimmt an. Chavel kommt also davon, mit Schuldgefühlen (bei Greene, dem verkappten Katholiken, lauert die Schuld an jeder Ecke).

Er hat sein Haus bei Paris also verschenkt. Darin leben nun die Schwester und die Mutter des erschossenen Janvier. Chavel geht hungrig zu seinem Haus und lässt sich als Gärtner anstellen. Die Leute im Dorf erkennen ihn nicht. Er verliebt sich in das junge Mädchen, das den hasst, für den ihr Bruder gestorben ist. Und dann – steht ein Mann in der Tür und sagt, er sei Chavel. Es ist ein großer Schauspieler, der sich die Verzeihung des Mädchens erwirkt und meint, es sei ein Leichtes, sie zu heiraten. Nun wird es richtig komplex …

Illustration: Rolf Hannes

Im neuesten Film von Woody Allen geht es um Blue Jasmine, die traurige Jasmin (Cate Blanchett), die mit einem schwerreichen Mann verheiratet war, der sie nach Strich und Faden betrog und auch betrügerische Geschäfte tätigte. Am Anfang des Films zieht Jasmin zu ihrer Schwester, nachdem sie alles verloren hat. In Rückblicken erfahren wir ihre Geschichte: Es ist die einer Frau, die sich in ihrem Luxus gesuhlt und geaalt hat und die Wahrheit nicht sehen wollte. Sie ließ sich betrügen, um ihre intakte Welt nicht in Gefahr bringen zu müssen. 

Eine »verlogene Kuh« sei sie, sagt der Freund ihrer Schwester (aus dem Kontrast reich/arm, dem er analog die Eigenschaften ehrlich/verlogen zur Seite stellt, gewinnt der Regisseur komische und tragische Elemente und auch seine Moral); aber Jasmine ist bloß verblendet, ist aus der großen Höhe ihres Luxus herabgestürzt und taumelt verwirrt umher wie in einem Zwischenreich. Sie klammert sich an ihre Vergangenheit, die sie sich umdeutet, und am Ende ist sie einen Schritt weiter auf ihrem Weg in den Untergang.

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