Auf der Vespa durch Catania

Es muss heißen: mit Orazio nach Catania, denn er saß vorn, ich hinten. Es war eine 32 Jahre alte weiße Vespa 50, die manchmal erst beim vierten Versuch mit dem Kickstarter wieder ansprang. Ein paar Male musste ich anschieben, stieg wieder auf, hiekt mich an Orazios Hüften leicht fest und lugte ihm über die linke Schulter, Fahrradhelm auf dem Kopf.

 

Nicht zu glauben, ich saß zum ersten Mal auf einer Vespa! Und es war gleich eine Feuerprobe: An einem normalen Werktag mitten durch Catania. Da lernt man beten! Ich mag ja den Film Caro Diario von Nanni Moretti (1993 – deutsch Liebes Tagebuch), in dessen sehenswertem ersten Teil er mit seiner Vespa (ich glaube, sie ist auch weiß) durchs leere Rom fährt.

Jedenfalls holte mich Orazio Rapisardo an der Pension ab. Er ist klein, etwa 70 Jahre alt, hat viele Stücke fürs Theater geschrieben und vor 3 Jahren sogar den prämierten Film I fantasmi di San Berillo (Die Gespenster von San Berillo) gedreht. Es ging um den kulturellen Wandel in dem Viertel Catanias, in dem er aufgewachsen ist. Es war immer das Viertel der Nutten, und so knatterten wir durch die engen, grauen Gassen, vorbei an langbeinigen Blondinen und fanden auch noch Sara bei bester Gesundheit, eine kleine, würdig gealterte Frau im Geschäft, und Orazio ließ sich mit ihr fotografieren.

Palazzo Biscari, wo Goethe schon übernachtete

 

Er kennt ja hunderte Leute in der Stadt. Wir fuhren zum Fischmarkt und durch die Gassen hindurch, musste das sein, dann hält er an und brüllt, hey, das ist der Mann mit dem besten Käse Catanias, hier ist mein deutscher Freund, Journjalist, lass ihn probieren … Am Theater stoßen wir auf einen Schauspieler, der gerade von einer Tournee aus Argentinien zurückkam. Und dann noch ein Dutzend alte Männer im Markt und in Gassen, Jugendfreunde von Orazio.

Die Stadt ist die zweitwichtigste Siziliens, 400.000 Einwohner (Palermo 800.000) und mindestens genauso heruntergekommen und angegraut. Alte griechische Kleinauten stehen in irgendwelchen Wiesen ratlos herum. Die Erde und die Steine sind schwarz. 1669 gab es einen Ausbruch des nahen Ätna, 1693 ein Erdbeben, und Catania war fast völlig zerstört. Also baute man es auf der Basis eines Straßenrasters wieder auf, wie zur selben Zeit Karlsruhe und Mannheim. Es entstand neu mit prächtigen Barockbauten. Leider baute man die Nationalstraße nach Messina direkt am Meer, setzte schauerliche Hochhäuser hin und noch mehr Bausünden.

Orazio erzählte, wie schön es dort am Meer war in den 1950-er Jahren. Durch die Straße hat sich die Stadt vom Meer selber abgeriegelt. Barcelona hat sich befreit, als die Olympischen Spiele 1992 vor der Tür standen, Barcelona ist nun reich und mondän. Aber die Katalanen sind fast Deutsche. Catania wird wie Palermo vor sich hingammeln, und man wundert sich, wie lange das gutgeht.

 

Am Ende, als wir heil alles überstanden hatten (natürlich fuhr Orazio wie der Teufel, auch wenn die Vespa kaum mehr als 45 Sachen schaffte), gab es noch Spaghetti neri de sepia (schwarze Spaghetti; mit der Tintenfischsoße und Rotwein). Orazio hat eine unglaubliche Energie, dieser Mann ist ein Vulkan! In drei Stunden zeigte er mir mehr, als ich in Catania in drei Tagen hätte sehen können. Grazio Orazio!

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