O Doctor!

Der Doctor ist Chirurg und heißt Sir Lancelot Spratt, fährt Rolls Royce, praktiziert in St. Sepulchre’s (heiliges Grabmal) im Londoner Vorort Spratt Bottom (bottom heißt auch Hinterteil), und gleich am Anfang kommt in der baufälligen Klinik das Dach des OP herunter. So beginnt das Buch Doctor in the Nest von Richard Gordon.

Gordon hatte ab 1963 wohl zehn Doctor-Bücher geschrieben, und das Nest ist von 1979. Die Reihe wurde verfilmt, das Ergebnis in vielen Ländern ausgestrahlt. Also alles schon mal dagewesen, E. R. und Dr. House hatten Vorläufer, zu denen man die Schwarzwaldklinik (1985-1989) man nun nicht unbedingt zählen würde. Für dieses war angeblich Vorbild Das Krankenhaus am Rande der Stadt, eine tschechische Serie (kennt einer noch den Mann mit der Melone, Pan Tau?).

Die Doctor-Reihe ist anders, irgendwie antiquiert, aber doch genial. Es ist eine Ansammlung von Gags, eine klamottige Komödie, die auch nicht den billigsten Effekt auslässt und die man heute wohl sexistisch und platt nennen würde. Doch die Engländer können das. Niemand trifft so gut unter die Gürtellinie wie sie (die gute alte verdrängte Sexualität), niemand hat diesen ausgefeilten Sprachwitz und dieses Gefühl für timing wie sie.

Also muss man bei der Lektüre des öfteren lauthals lachen. Im Jahr, als das Buch erschien (1979), spielte ich an der Münchner Ludwigs-Maximilian-Universität in der English Drama Group mit, und wir führten die Komödie Habeas corpus von Alan Bennett auf, die erst sechs Jahre zuvor erschienen war. Es ging um einen Azt, es war auch sexistisch, aber auch so lustig!

Man kriegt so Lust, selber etwas Lustiges zu schreiben. Man braucht das sprachliche Rüstzeug, aber auch viele bunte Einfälle. Sir Lancelot lädt zwei junge gut befreundete Chirurgen zu einer vierwöchigen Urlaubsvertretung in ein Haus ein, sie bringen ihre beiden Frauen mit, und dann stellt sich heraus, dass jede Frau vor Jahren mit dem je anderen Chirurgen eine Affäre hatte, und die Vergangenheit wirbelt die Paare durcheinander, aber beim Essen wollen sie das Sir Lancelot nicht verraten …

Sir Lancelot will einer amerikanischen Journalistin einen Heiratsantrag machen (fällt aber ins Wasser), erwartet sie dann zu Hause, aber es kommt die Krankenhauschefin, die in ihn verliebt ist und nach dem dritten Whisky ausruft: »Sie lieben mich! Ich weiß es doch!« Die Amerikanerin kommt und wird oben von der Krankenhauschefin (ihr Kleid über dem Arm) mit Sir Lancelot überrascht, die beiden Frauen verlassen das Haus, und dann erscheint noch die Haushälterin, schlafwandelnd und halbnackt, die Sir Lancelot auch liebt …

Verglichen mit dieser geballten Ladung hochklassig präsentiertem primitivem Humor, wirkt da manches sich komödiantisch nennendes Büchlein von heute wie ein Knallfrosch, wie eine Schlaftablette. Es gibt nichts Schwierigeres, als ein heiteres Buch zu schreiben, das auf jeder Seite zündet.

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