Flugverkehr (27): die Eule

Die Serie Flugverkehr gibt es noch. Gleich werde ich sie etwas befüttern, mit Vögeln und mit Flugzeugen. Heute erzählt Laurens van der Post (1906-1996) von einem Erlebnis am Zürcher Jung-Institut, wo er einen Vortrag halten sollte. Es war 1986, Carl Gustav Jung war schon 25 Jahre tot.

Es freut mich immer, wenn ich Ordnung in meiner kleinen Welt bemerke. Ich habe also vergangenen Oktober Laurens van der Post entdeckt und in meiner Bewunderung gleich fünf Beiträge aus den Büchern Yet Being Someone Other und Flamingofeder gebastelt. Nun, ein Jahr später, nehme ich mir noch mehr Bücher von ihm vor, weil er einem so viel zu sagen hat. Ich fing an mit dem Band A Walk With a White Bushman (ein langes Interview mit ihm, geführt von Jean-Marc Pottiez). Van der Post spricht häufig von seinem Freund Carl Gustav Jung (1875-1961), mit dem er sich oft in Zürich traf. Auch Jung hat so viel zu sagen, und es ist falsch, ihn nur zum Psychologen und Psychiater zu machen.

Das Buch erschien 1986, und erst wenige Wochen zuvor hatte Laurens van der Post einen Vortrag am Jung-Institut in Küsnacht am See gehalten. Er kam im letzten Glanz der Abenddämmerung und dachte, da das Institut neben C. G. Jungs ehemaligem Haus liegt, an dessen letzten Blick auf die Berge und den See, in der Dämmerung vor seinem Tod. Diese Geschichte erzählte van der Post seinen Freunden im Auto. Sie stiegen aus, fast hinter Jungs ehemaligem Haus, und der See lag hinter einer Gruppe Bäumen, aus denen der Schrei einer Eule zu hören war.

»Alle waren verwundert und sagten, dass sie hier noch nie eine Eule gehört hätten. Ich war vielleicht noch verwunderter als die anderen, da unter den Geschichten, die ich den Studenten zu erzählen gedachte, eine von den Buschmännern und einer Eule war. Erzählt hatte sie mir Dorothea Bleek, die Tochter des großen Buschmann-Gelehrten W. H. Bleek, dem wir so viel verdanken. An dem Tag, an dem er starb, war die kleine Gemeinde von Buschleuten, die er um sein Heim angesiedelt hatte, um ihre Sprache zu studieren und ihre Geschichten aufschreiben zu können, todtraurig. Auch seine Kinder litten sehr, und bei Sonnenuntergang versammelten sich alle in seiner großen afrikanischen Küche, um sich gemeinsam Mut zu machen. − Plötzlich tauchte eine Eule auf, flatterte ans Küchenfenster und schrie laut. Bleeks Kinder waren erschrocken, aber die Buschmänner fingen zu tanzen an und klatschten in die Hände, und sie sangen: ›Er ist angekommen! Er ist angekommen!‹ − Als wir zum Institutsgebäude gingen, folgte uns die Eule von Baumspitze zu Baumspitze, und während der zweieinhalb Stunden meines Vortrags schrie sie in regelmäßigen Abständen so laut, dass dieser Ruf und meine Stimme auf der Tondbandaufnahme zusammenfallen. Mir bedeutete diese kleine Geschichte (und vor allem die Begleitumstände) großen Trost und schenkte mir die unverbrüchliche Gewissheit, dass Jung an seinem wahren Bestimmungsort eingetroffen war, was nicht nur für ihn gilt, sondern für uns und alle Zeiten.«

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