Priester, Arzt, Dichter

Religion, das ist weit weg. Das »Numinose« hat Rudolf Otto religiöse, unheimliche, feierliche Gefühle genannt, und wir kennen sie: Wenn die Nationalhymnen vor dem Fußballspiel erklingen und die Kapitäne die Wimpel tauschen; wenn die Rockband die Bühne betritt und die ersten Töne ihres grössten Hits spielt. Dann ist es eigentlich auch schon vorbei.

Ganz früher, in der babylonischen Zeit, waren die Priester auch die Heiler. Ich glaube, die Griechen trennten dann die beiden Sphären, und der Arzt entstand. Der deutsche Dichter Novalis (1772-1801) meinte sogar, früher seien Dichter wie Priester gewesen, Seher also, die sich der Literatur und dem Menschen widmeten. Auch das ist lange her.

Irgendwo las ich eine Aussage, dass beim Heilen immer eine spirituelle Dimension dabeisein müsse. Selbstheilung schön und gut –aber machen wir wirklich alles selbst? Haben wir alles im Griff? Ich glaube nein, etwas wie Gnade muss dazukommen, eine andere Dimension schenkt Kräfte, die in uns allein nicht sind.

Auch das Schreiben ist ein religiöser Akt. Der echte Dichter ist ein Mönch und Asket, wie Martina Zwetaewa einmal bekräftigt hat. Es klingt vielleicht pathetisch, aber ohne Liebe zur Literatur und den Menschen wird man nichts Nennenswertes zustande bringen. Um die Dreiheit Priester / Heiler / Dichter zu vervollständigen, kann man behaupten, dass der Autor auch ein Heiler sein kann: Seine Worte befreien und erheben uns.

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