Die Bürger-Bibliothek von 1422

Was sind schon 20 Jahre! Exakt vor 600 Jahren gab Pfarrer Johann von Ember in Braunschweig den Auftrag, ein Bibliotheksgebäude zu bauen. Es ist das älteste in Deutschland, und die »Liberei« war ab 1422 eine der ersten Bürger-Bibliotheken Europas − noch vor Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks (1454). Die Liberei steht noch heute und kann angeblich besichtigt werden.

Die in Hamburg lebende Journalistin Tina Stadlmayer hat darüber ein Buch geschrieben: Wo Braunschweigs erste Bücher standen (Merlin Verlag, Vastorf). Darin lernen wir, wie es im 15. Jahrhundert im wohlhabenden Braunschweig zuging und wer die Hauptpersonen waren. Ein Lüneburger Architekt baute ein Häuschen in norddeutscher Bascksteingotik mit Treppengiebeln: ungewöhnlich für Braunschweig. Es hat nur 25 Quadratmeter Grundfläche. Aber mehr brauchte man nicht, denn es mussten im Erdgeschoss und im ersten Stock nur 336 Bücher untergebracht werden – auf Pulten und angekettet. Auf den Pulten a bis f: Theologie; g: Wörterbücher; h: Philosophie. Man las stehend.  

Nach dem Tod von Embers 1423 wurde ein gut betuchter Bücherfreund mit der Verwaltung der Liberei betraut, Gerwin von Hameln, der gegenüber wohnte. Er hielt sich an des Pfarrers Weisung, dass alle gelehrten Personen Zugang zu den Büchern haben sollten. Viele reisten von weit her, um etwas nachzulesen. Über 300 Jahre hielt sich die Liberei. Von den 336 Büchern wurden später 137 wieder aufgefunden, denn Gerwin hatte sein Familienwappen hineingedruckt und auch vermerkt, was er ganz oder halb gelesen hatte. (Das Bild stammt aus dem besprochenen Band.)        

Gerwin von Hameln war, wie Tina Stadlmayer schildert, Stadtschreiber und kaiserlicher Notar und gehörte sogar zum niederen Klerus. Er hatte auch zwei Kinder, doch als Kleriker nicht mehr verheiratet sein durften, musste er diese und seine Frau im Stich lassen (er wies ihnen jedoch eine Rente an). 1495, mit 80 Jahren, starb Gerwin von Hameln, und schon 1531 musste ein Reformator mahnen: »Die Liberey bey St. Andreas sol man nicht verfallen lassen.« 1695 beklagte sich der Gelehrte Hermann von der Hardt ebenfalls über den Zustand der Bibliothek.

1753 wurde sie dann leergeräumt, als Herzog Karl I. seine Residenz von Braunschweig nach Wolfenbüttel verlegte. Dort wurde übrigens 1770 Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) Bibliothekar, der Autor des Theaterstücks Nathan der Weise, dessen Hamburger Dramaturgie die Bühnenwelt prägte. Er starb bei einem Besuch in Braunschweig und ist dort auf dem Magni-Kirchhof bestattet. Rechts der obere Teil seiner Statue in Berlin, nahe Potsdamer Platz.

Die Liberei diente in den 200 Jahren danach als Waschhaus, Registratur und Abstellraum für Gartengeräte. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie bei einem Bombenangriff schwer beschädigt, doch 1964 konnte sie wieder original restauriert werden. Sie dient heute auch als Steinmuseum.

Und kurz vor Redaktionsschluss … sah ich, dass Thomas Ostwald Krimis aus Braunschweig schreibt und einer davon Mord in der Lieberei heißt. Es ist der zweite Fall für Leutnant Friedrich Oberbeck, der im 18. Jahrhundert ermittelt.  Vor der kleinen Bibliothek wird ein Nachtwächter ermordet aufgefunden, auch ein Jäger stirbt, und unter Verdacht gerät der Graf von St. Germain, der zu Besuch ist. Den gab es tatsächlich, er starb 1784 und war Zeit seines Lebens ein bekannter Okkultist und Agent, vielleicht (oder: vermutlich) auch nur ein geschickter Betrüger und Schwadroneur.

 

 

 

 

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