Die leere Leinwand

Der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto ist 26 Jahre seines Lebens immer wieder durch die USA gereist und hat Filme in Kinos fotografiert: Er öffnete die Blende und ließ sie 90 Minuten lang offen, den ganzen Film über. Ergebnis: Eine blütenweiße leere Leinwand ist zu sehen und ein Kino ohne Menschen. Was sagt uns das?

Was uns das sagt, erläutert Georg Kö in seinem Beitrag Das leere Kino, der im Band Vorstellungskraft erschienen ist. Kö macht das in brillantem exquistitem Kulturwissenschafts-»Chinesisch«, das nach einer Übersetzung verlangt.

Ich verehre fernöstliche Kunst und Philosophie. Taiwanesen, Chinesen und Japaner denken anders und öffnen einem neue Perspektiven. Das Nichts und die Leere spielen bei ihnen immer eine Rolle, wo bei uns alles möglichst voll und lebensprall zu sein hat.

Der Japaner Sugimoto hat alle Bilder eines Films aufgenommen, doch sie sind ins Leere gestürzt und lassen einzig das Licht auf der Leinwand zurück: das Licht, die Konstante des Universums. Plötzlich merkt man, dass der Film ans Kino (und das Wohnzimmer) gekettet ist. Es braucht ein Interface. Ohne Beobachter kein Film.

Olma St. Gallen, 2007

Die Bilder des Films werden aufgenommen, neu zusammengesetzt (er wird geschnitten) und wieder abgespielt. Der Film ist so gemacht, wie es unsere gültige Ästhetik zulässt, er ist irgendwie voll von Leben und imitiert unser Leben. Er will welthaltig sein. Man wird bemerken, dass der Film und der Roman die letzten 100 Jahre prägten, weil sie angeblich das Leben in seiner Fülle abbilden, positivistisch: so, wie es angeblich ist. (Schon Adorno hat sich an dieser »Verdoppelung« gestört.)

Doch das ist Illusion, wie der ganze Film Illusion ist, trügerische Bewegung und Manipulation durch Geschichten. Es fehlt die Leere, die uns innehalten lässt: Warum diese Geschichte? Warum Film? Warum werden heute Filmkunst und Romankunst immer »natürlicher«, dem Leben gleichend, wo sie doch eine Alternative sein sollten, künstlich und künstlerisch, etwas Anderes, ein Ausweg, ein Erlösungsschritt? Hat das, was ist, die Kunst aufgefressen, sie in ihren Dienst gezwungen? Wo sind heute die Experimente von Godard und Kluge?

Dagegen ist laut Georg Kö die Fotografie das »experimentelle Medium der Vernunft«, das »Medium der Aufklärung«, wenn man sich darüber einig ist, dass auch der Fotograf oder die Fotografin manipuliert, weil sie Ausschnitt und Präsentation wählt. Jedoch hat die Fotografie nicht den Anspruch, das Leben und die Welt abzubilden. Sie wirft ein Schlaglicht, öffnet eine Perspektive, und manchmal öffnet sie lang ihre Blende und zeigt damit, dass sich darin die Illusion des Kinos auflöst.

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Noch ein Gedanke dazu: »The medium is the message«, sagte Marshal MacLuhan. Wittgenstein wies darauf hin, dass die Maschine das Symbol ihrer Wirkungsweise sei. Wir müssen manchmal die Inhalte ausblenden und nur das Verfahren und die Geräte betrachten. Kinofilme und auch der beliebte Fußball zeigen uns, wie wir uns selber sehen: Tempo und Zusammenhang, Fülle und Schlüssigkeit (alles trügerisch). Sogar die iPhones und Smartphones sind eine Botschaft (MacLuhan): Vielleicht dienen sie nur dazu, uns beschäftigt aussehen zu lassen, wichtig, verbunden mit dem Strom der Zeit — ähnlich, wie Robert Musil einmal sagte, das Rauchen gäbe einem die Illusion, etwas zu tun, wo man nichts täte.

Ein Kommentar zu “Die leere Leinwand”

  1. Regina

    Lieber Mandy! ja, das ist das schlechte Gewissen, dabei las ich das:
    „Mehr Freiraum für den Nachwuchs
    Die Welt der Kinder ist zunehmend geprägt von einer alle Bereiche durchdringenden Ökonomisierung unseres Lebens. Überblick über aktuelle Erziehungsratgeber, die auf die gesunde Wirkung des Nichtstuns hinweisen“…. sehr interessant! Grüße Regina

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