Umberto Eco über den Ur-Faschismus
Heute vor zehn Jahren ist Umberto Eco gestorben. Der Mann aus Alessandria schrieb nicht nur erfolgreiche Romane – an der Spitze Der Name der Rose, der auch verfilmt wurde –, sondern war auch ein weitblickender Denker, der Phänomene erkannte und analysierte wie die Intoleranz gegenüber den Migranten und den Faschismus.
Darum heute ein kurzer Blick in Ecos Gedanken. Um das Jahr 2000 erschienen drei Aufsätze, überschrieben Migrazioni e intolleranza. Darin meint er, dass Immigration die Sache einzelner oder kleiner Gruppen sei, während Migration große Wanderungsbewegungen bezeichne, die ein natürliches Phänomen seien. Dies stehe Europa bevor, schrieb Eco, viele Tausende stünden vor seinen Toren und begehrten Einlass. (Das war dann 2015 so). Links sehen wir den Denker 1984, ein Wikipedia-Bild, gemacht durch einen niederländischen Fotografen.
Gegen die Migration stehe die Intoleranz. Sie könne man schon bei Tieren beobachten, die ihr Revier verteidigten. Die Intoleranz sei das Fundament von Integrismus, Fundamentalismus und Rassismus. Man müsse bei der Erziehung ansetzen, um diese Intoleranz zu bekämpfen.
Ein zweiter Aufsatz heißt Il fascismo eterno (Der ewige Faschismus). Eco hat 12 Punkte aufgelistet, die den Ur-Faschismus charakterisieren.
1 Als erstes ist er ein Kult der Tradition. Deshalb gibt es für den Faschismus eigentlich keine gedankliche Weiterentwicklung; das Wichtige ist bereits ausgesagt worden.
2 Zum Traditionalismus gehört eine Ablehnung des Modernismus. Die italienischen Faschisten lobten zwar den Fortschritt ihrer Industrien, doch eigentlich waren sie technikfeindlich und verehrten wie die Nationalsozialisten Blut und Boden. Der Ur-Faschismus ist ein Irrationalismus. (Rechts der Duce, Benito Mussolini, der erste regierende Faschist in Europa vor 100 Jahren.)
3 Der Ur-Faschismus betet die Aktion an, die Handlung. Sie ist per se gut. Etwas tun ist besser als reden oder denken. Eine Ablehnung des Geistes zeichnet den Ur-Faschismus aus. Universitäten und Intellektuelle haben sich angeblich von der Tradition abgewandt und sind als Feinde zu betrachten.
4 Kritik und Nicht-Übereinstimmung sind für den Faschismus Verrat.
5 Die fehlende Übereinstimmung oder der Missklang sind ein Zeichen für den Unterschied, den der Faschismus nicht will. Er nutzt die natürliche Angst vor dem Unterschied (gegenüber Migranten) aus, er ist grundsätzlich rassistisch.
6 Der Ur-Faschismus wendet sich an die Frustrierten. Er wirbt um die bürgerliche Klasse der Frustrierten und macht aus ihr sein Bataillon.
7 Der Ur-Faschismus gibt Entwurzelten eine Identität, indem er sie dafür lobt, im selben Land wie seine Landsleute geboren zu sein. Er schürt die Angst vor einem Komplott (vielleicht sogar internationalen Ausmaßes) und deutet an, belagert zu sein. Angst vor den Fremden wird erzeugt.
Morgen Teil 2.
