Zieht uns hinan
Heute mal Nietzsche mit einer seiner feinen Beobachtungen. Wie dieser Aufrührer, Außenseiter und Aufschneider seinen Platz in der Philosophiegeschichte bekam, ist erstaunlich. Vermutlich hielt man ihn für das Gegenbild der Philosophen, sah ihn aus Geistfeindschaft heraus als den perfekten Bilderstürmer; dabei war Friedrich Nietzsche ein deutscher Philosoph.
Bei kurzer Durchsicht einiger seiner Sammlungen blieb ich bei einem Beitrag aus Streifzüge eines Unzeitgemäßen hängen und will noch bemerken, dass Nietzsches Werke unter zeno.org ganz gelesen werden können.
23.
Plato geht weiter. Er sagt mit einer Unschuld, zu der man Grieche sein muss und nicht »Christ«, dass es gar keine platonische Philosophie geben würde, wenn es nicht so schöne Jünglinge in Athen gäbe: deren Anblick sei es erst, was die Seele des Philosophen in einen erotischen Taumel versetze und ihr keine Ruhe lasse, bis sie den Samen aller hohen Dinge in ein so schönes Erdreich hinabgesenkt habe. Auch ein wunderlicher Heiliger! – man traut seinen Ohren nicht, gesetzt selbst, dass man Plato traut. Zum mindesten errät man, dass in Athen anders philosophiert wurde, vor allem öffentlich. Nichts ist weniger griechisch als die Begriffs-Spinneweberei eines Einsiedlers, amor intellectualis dei nach Art des Spinoza.
Philosophie nach Art des Plato wäre eher als ein erotischer Wettbewerb zu definieren, als eine Fortbildung und Verinnerlichung der alten agonalen Gymnastik und deren Voraussetzungen … Was wuchs zuletzt aus dieser philosophischen Erotik Platos heraus? Eine neue Kunstform des griechischen Agon, die Dialektik. – Ich erinnere noch, gegen Schopenhauer und zu Ehren Platos, daran, dass auch die ganze höhere Kultur und Literatur des klassischen Frankreichs auf dem Boden des geschlechtlichen Interesses aufgewachsen ist. Man darf überall bei ihr die Galanterie, die Sinne, den Geschlechts-Wettbewerb, »das Weib« suchen – man wird nie umsonst suchen.
Im Französischen heißt es da – und das meint Nietzsche: »Cherchez la femme!« Such das Motiv eines Verbrechens, den Antrieb zu einer großen Arbeit, den Trieb in Sport und Abenteuer, und du wirst in vielen Fällen eine Frau finden, die den Mann motiviert hat (denn man dachte ja meistens vom Manne aus). Niemand arbeitet nur für sich, kein Mensch ist eine Insel. Der oder die andere ist unabdingbar. Wer selbstvergessen vor sich hin arbeitet (wie etwa der manipogo-Autor) hat seine Adressaten im Kopf, die Leserinnen und Leser, der Eremit wendet sich an Gott, der Künstler braucht eine Muse (die Künstlerin auch, vielleicht eine männliche).
Eine Bezugsperson muss da sein, an die man sich imaginär wendet. und da sich die Gegensätze berühren, kann auch Hass eine Triebfeder für ein großes Werk sein. Hass oder Liebe, es macht kaum einen Unterschied, Hassliebe geht auch. Besser aber ist die Liebe. Jemanden beeindrucken wollen, seine Liebe gewinnen wollen hat schon oft das Beste aus einem Menschen herausgeholt. Dieser Motivation verdanken wir unsterbliche Kunstwerke und vielleicht auch tatkräftige Werke der Nächstenliebe, was noch höher zu veranschlagen wäre.
»Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan« singt der Chor am Ende von Goethes Faust und deutet damit an, dass die weibliche Kraft der Liebe das männliche Streben empor (hinan) zum Göttlichen motiviert; beide Pole sind wichtig, Yin und Yang wirken zusammen, und 200 Jahre nach Goethe können wir diese männliche Deutungsart gelassen betrachten.