Frau ohne Schleier
Aus einem Regal gefischt/gerettet: Das Buch Frau ohne Schleier. Das sind 3 türkische Erzählungen der bekanntesten Frauenrechtlerin des Landes, Füruzan (1932-2024), die am liebsten über Frauen, Arme, Alte und Kinder schrieb. Das Buch ist aus dem Jahr 1981 und ziemlich traurig. Ob Frauen-Schicksale in der Türkei heute weniger tragisch sind?
Anfang Oktober. Eine Frau steigt eine Anhöhe hoch, um zu ihrem Dorf zu gelangen. Sie kommt vom Markt. Und sie beginnt zu erzählen, schildert ihr Leben. Heute ist sie 60 oder 63 Jahre alt, etwas übergewichtig, leidet unter Atemnot – und ihrem Ehemann, dem 20 Jahre älteren Fatin Bey. Als Mädchen, fast als Kind wurde Servet (so ihr Name) in einen Konak in Horhor gegeben, einem Istanbuler Stadtviertel, um im Haushalt einer reichen Familie zu putzen und zu nähen. Sie sah nichts von der Außenwelt. Der Konak heißt die Geschichte; dorthin kam die bessere Gesellschaft.
Wenigstens mit den Kolleginnen war es lustig. In Bedrängnis geriet sie jedoch, als Rusuli Bey, der Chef, sich zu ihr ins Bett legte und dies immer wieder tat. Wie oft wird das in den Ländern und Zeiten geschehen sein: dass der Herr des Hauses sich an das junge und frische Dienstmädchen heranmachte, das sich nicht wehrte?
Doch dann endet der Krieg, der Konak wird verkauft, und jahrelang hütet Servet ihn, sitzt alleine in der kahlen Burg. Dabei ist sie auch krank geworden. Man gibt ihr Fatin Bey zum Mann, einen älteren Anwalt. Sie bekommen ein Kind, einen Sohn, der nach Deutschland verschwindet, um Geld zu verdienen. Fatin Bey ist im Gasthaus und erwartet, dass sie ihm die Tür öffnet. Servet nähert sich dem Haus, fühlt sich krank und will ein wenig schlafen. Sie denkt nach:
Draußen hat der Lodos nachgelassen. Wie ich so daliege, fühle ich mich immer schwerer werden. Ich habe es immer verborgen, wenn ich müde war. Ich bin ohne Sünde. Ich habe nie einen Mann gekannt. Gott ist mein Zeuge, dass es so ist. Ins Bett bin ich mit ihnen gegangen: Wie hätte ich mich dagegen wehren sollen? … Gott, deine guten Werke … Immer nur leiden? Nur leiden … Ach, schade, schade … Der Lodos hat aufgehört … Die Küchentür knarrt nicht mehr. Wie schade …
Servet sitzt nicht am Fenster, als Fatin Bey kommt. Sie öffnet ihm auch die Tür nicht. Was ist da los? Er tritt ein und begreift die Lage: Sie ist tot. Was? Sie ist gestorben? Wie konnte sie IHM das antun??
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O du schönes Istanbul heißt die zweite Geschichte. Der blonde Kamil, meist im karierten Hemd, lenkt seinen MAN 520, Baujahr 1969 und genannt »Adler der Landstraße«, übers Land. Er hat sogar einen Begleiter. Kamil sagt, er sei in den vergangenen drei Jahren mit seinem MAN-Lastwagen »ein Leib und eine Seele« geworden, famos! Cevahir Yenge erwähnt er selten. Wenn man ihn auf sie anspricht, sagt er, sie sei eine tadellose Hausfrau geworden. Immer nehme er sich vor, sie zu heiraten, doch dann schiebe er es wieder auf. Hat ja noch Zeit.
Indessen wartet im schönen Istanbul Cevahir. Kamil hat sie aus dem Bordell geholt, in dem sie Jahre verbracht hatte, und er hat ihr eine Zukunft gegeben. Doch nun kommt er nicht. Vermutlich ruft er auch nicht an. Cevahirs Gedanken beginnen zu kreisen. Sie geht hinaus, die alte Trauer überfällt sie: Alle haben jemanden, der auf sie wartet, und sie … Das alte Trauma brennt. »Ich bin verworfen und ausgestoßen«, sagt sie zu sich. Und in dieser abgrundtiefen Einsamkeit geht sie zur Brücke, zieht sich die Schuhe aus und stößt ihren Körper weit vor …
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Die Fassade ist der Titel der dritten Geschichte. Rahmi Bey steht als Beamter kurz vor der Pensionierung und lebt mit seiner Frau Fitnat in einem Haus mit schöner Fassade. Der Abteilungsleiter, die Kinder, die Einrichtung der Wohnung, die Fassade … Es kommt zu einem hitzigen Dialog, der sich vermutlich oft wiederholte, wie das alte Ehepaare kennen. Am Ende konkurrieren sie miteinander, und Fitnat meint, Rahmi Bey halte sich für »etwas Besseres«, doch überlegen sei er ihr nicht. Und sie erkennt:
Letztlich haben wir beide immer nur geredet.
