Die Böhmischen

Prosper Mérimée hat seiner Carmen noch einen kleinen Anhang beigefügt, 7 Seiten nur, in dem es um deren Volk geht, die »Fahrenden«, die Sinti und Roma. Mir liegt deren Welt am Herzen, und einige Filme von Tony Gatlif, ihrem großen Freund, habe ich gesehen und auch darüber geschrieben (Links unten).

Mérimée betätigt sich hier als Ethnologe und fängt so an:

Spanien ist das Land, wo sie sich heute (1845) befinden, in noch größerer Zahl, diese Nomaden, die über ganz Europa verstreut sind und die bekannt sind unter den Namen Bohémiens, Gitanos, Gypsies, Zigeuner, etc.

Da wird es schon interessant. Anscheinend meinte man früher, die Sinti und Roma stammten aus Böhmen, und bereits zu der Zeit, da Mérimée schrieb, wurde der Name Bohémiens auf junge Künstler in Paris angewandt, die irgendwie vagabundierend lebten und ihre Feste feierten. 1896 wurde die Oper La Bohème von Giacomo Puccini uraufgeführt, mit dem Dichter Rodolfo an vorderster Front, der in einer Dachkammer lebt. Es war eine Oper aus der Bohème, deren Vertreter immer als Gegenentwurf zu den bourgeois, den Bürgern, galten.

Szenenbild von La Bohème aus Berlin

Mérimée schildert die Angehörigen dieses Volkes, wie man eben damals schreiben konnte. Sie hießen auch Calé, wegen ihrer dunklen Hautfarbe, und sie hätten keine Bäuche und oft »den Blick eines wilden Tiers«. Eine Gitana sei immer mit einem Landsmann zusammen, die Ehe sei ihnen heilig, und sie benehme sich devot gegenüber ihrem Mann. (Rechts eine Heirat in Girona. Flickr, erstellt von Sebastià Giralt) Sie führten überhaupt ein miserables Leben, in dem der Tod für sie keinen Schrecken besitze. Doch vor dem Leichnam empfänden sie wahren Horror. (Das war ja auch in frühen Kulturen so; man fürchtete, er könne zurückkommen und sich für irgendetwas rächen wollen.)

Meist nähmen sie die Religion ihres Gastlandes an, schreibt der Autor. Die Frauen verkauften gern Liebestränke oder versprachen, einen verlorenen Liebhaber zurückgewinnen zu können. Zum ersten Mal seien die gitanes Anfang des 15. Jahrhunderts im Osten Europas aufgetaucht. Einige von ihnen meinten, ihr Volk stamme aus Ägypten, doch die Orientalisten seien sich einig: Aus Indien kamen sie. (Der Film Latcho Drom von Gatlif zeigt diesen Weg. Nur Menschen und Musik. Besonders schön ein Tanz, Minute 6:00 bis 8:30.) ) Tatsächlich erinnern einige Worte aus ihrem Idiom an Sanskrit. Pani heißt Wasser, lor Salz, mâs Fleisch.

Auch von der Sprache ihres Gastlandes lassen sie sich beeinflussen, die dann etwas ihre eigene Sprache durchdringt.

Das zu ergänzen, war mir wichtig. Im vergangenen Jahr war ich auf einem Campingplatz in Oberbayern, und da war eine Fete der Sinti, und man sah auffallend schöne Frauen und viele Männer im eleganten weißen Anzug, und die Musik war gut. Am nächsten Tag gab es welche, die saßen in ihrer großen weißen Limousine und fuhren ganz langsam um den Platz, Kinder auf dem Beifahrersitz, um ihnen eine Freude zu machen. Nett war das.   

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