Stimmen aus der Stille

Diese Stimmen aus der Stille kommen von Frauen aus Mauretanien, einem Land an der Peripherie unserer Wahrnehmung.  Yahya Ekhou, ein junger, nach Deutschland geflüchteter Mauretanier, hat Frauen in seinem Heimatland zu Wort kommen lassen. Es ist ein neues Buch, erschienen bei akono in Leipzig.

Mauretanien liegt am Westrand Afrikas, es ist ein Wüstenstaat mit einer breiten Küste: eine Million Quadratkilometer mit 5 Millionen Einwohnern. Das Land hat den längsten Wüsten-Eisenbahnzug und den größten Schiffsfriedhof der Welt (in der Hauptstadt Nouakschott, 1,5 Millionen Einwohner, rechts in Bild). Es herrscht unverrückbar eine ethnische und eine Stammeshierarchie. Die Araber sind am Ruder, sie fühlen sich den Schwarzafrikanern überlegen. Die Sunna wird gepredigt, und die Scharia gilt. Frauen haben wenig zu melden und werden unterdrückt. Sklaven gibt es noch.

Manche der Frauen, die sich äußern, haben es geschafft und konnten das Land verlassen. Magedah, heute 44, gestand ihrer Mutter, sie sei lesbisch. Man konnte ihr helfen, sie floh nach Dakar und später nach Beirut. – Safiyah, 40 Jahre, wurde auf dem Dorf groß. Kein Schulbesuch. Dann hielt ein Cousin in Spanien um ihre Hand an. Sie musste dorthin, bekam 4 Kinder, aber lernen durfte sie nichts, aber nebenbei, in morgendlichen Kursen, bildete sie sich fort.

Elnaha, 26 Jahre, hörte, dass man erwartete, sein Vater würde sich von der Mutter scheiden lassen, die »nur« ein Mädchen hervorgebracht hatte. Die Mutter grämte sich und starb bald. Elnaha begann Bücher zu lieben und wurde nach Nuakschott eingeladen. Schließlich kam sie zu Verwandten nach Rabat in Marokko, besuchte die Schule und die Universität. – Amal, 26 Jahre, verlor ihren Vater. Der Stamm verbot ihrer Mutter, mit ihr zu leben; sie musste sich woanders wieder verheiraten. Amal machte das Abitur, doch man wollte sie als Hilfskraft ins Dorf zwingen; also floh sie nach Bamako, in die Hauptstadt Malis. – Sie nennt Mauretanien

diesen Ort, an dem Frauen ihre Träume immer wieder begraben und an dem nur diejenigen überleben, die innerlich aufgeben. Dieses Überleben ist jedoch ein Leben ohne Willen.

El Sallah, 29 Jahre, hatte eine schöne Kindheit. Ihr Vater war ein hingebungsvoller Lehrer, unterrichten wollte sie auch, doch in der Schule sprach sie »weltliche« Gedanken aus, wurde verhaftet und einem Cousin zur Frau gegeben, der so religiös war, dass sie sich wie im Gefängnis fühlte. Als ihr geliebter Vater starb, durfte sie beim Begräbnis nicht dabeisein; Frauen ist das nicht gestattet. – Khadija, 32 Jahre alt, wurde als Haratin geboren, die Sklaven sind. Mädchen müssen mit 8 Jahren an die Arbeit, Puppen sind verboten. Sie wurde nach Nouakschott verpflichtet, spielte Gitarre und sang, wurde verhaftet, und schließlich gelang es ihr, nach Dakar in Senegal zu fliehen, in eine Art Freiheit. – Zahia, 29 Jahre, kam mit 18 mit der Familie in die Hauptstadt, arbeitete dort, ging zur Schule und qualifizierte sich, so dass sie für einen einjährigen Auslandsaufenthalt in der Stadt Erie in den USA ausgewählt wurde. Sie meinte:

Sprachen lernen befreite mich aus dem Gefängnis, in dem wir leben. 

Es klang schon an: Heute lebt die Hälfte der Mauretanier in Städten von mehr als 10.000 Einwohnern. Vor 70 Jahren noch waren 90 Prozent Nomaden. Yahya Ekhou hofft, dass sich die Völkergemeinschaft zugunsten der Frauen einschaltet, doch die Chancen dafür sind gering. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit erwähnt, dass im Land 30 Prozent unter der Armutsgrenze lebten, doch die Regierung sei einigermaßen stabil und kooperativ bei der Terrorbekämpfung. Wer da mittut, wird gelobt, und man wird keine Kritik an ihrem Umgang mit den Frauen üben.

Das Problem ist natürlich der Islam beziehungsweise dessen paternalistische Auslegung. Doch da nun die Hälfte der Bevölkerung in Städten lebt, wird sich zwangsläufig eine liberalere Haltung durchsetzen, schon beeinflusst durch die westlichen Medien.

Die Bilder sind von Wikimedia Commons, dankeschön! 

 

 

 

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