Am Abend der Zeit

Nach langer Zeit habe ich mich wieder an einen großen Roman gewagt. Groß heißt dick (430 Seiten), aber auch großartig. Der Roman ist Am Abend der Zeit, spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs, und der Autor ist Edzard Schaper (1908-1984), von dem die manipogo-Weihnachtgeschichte 2014 stammt.  

Sowas schreibt heute keiner mehr. Es ist die alte Schule, und das Buch muss sich gar nicht hinter Krieg und Frieden verstecken. Es spielt in der guten alten Zeit, auf den Schlössern der alten Adelswelt in Polen und Estland und beim Militär (in Casinos und Klubs).

Eine Burg in Spanien

Der junge Nikolai Rausch von Traubenberg wird nach Abschluss seiner Ausbildung in St. Petersburg als russischer Offizier einer Division in Kalisch in Westpolen zugeteilt, einem öden Kaff. Selber stammt er aus einem kleinen Rittergut in Estland. Bei einer Einladung verliebt er sich in die junge Gräfin Lannoy, die mit ihrem Vater das Schloss Wysocko bei Kalisch bewohnt. Eine wunderschöne Liebesgeschichte beginnt, die das ganze Buch trägt. Wir sind bezaubert.

Doch über den Spaziergängen der Verliebten durch den Schlosspark und ihrem Traum einer gemeinsamen Zukunft liegt ein Schatten. Wir schreiben Ende 1913, es wird ein kalter Winter, und alle reden von einem bevorstehenden Krieg. (Der Mord an dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo im Sommer darauf löst ihn aus, aber vermutlich wäre er auch auf andere Weise losgebrochen. Auch der Zweite Weltkrieg war im Grunde eine ausgemachte Sache. Hitler hätte ihn auf jede Weise entfesselt, er hielt ihn für unvermeidbar und erfüllte seine Prophezeiung selbst.)

Weihnachten 1913 besucht die Gräfin Nikolai und dessen Vater auf ihrem Gut. Alle sind glücklich. Der schwer kranke Vater stirbt jedoch bald darauf. Der junge Offizier wird überraschend zum Rittmeister befördert und will aus dem Dienst ausscheiden, um Wysocko zu übernehmen. Es kommt aber anders: Sein Urlaub wird gestrichen, er muss zum Regiment zurück. Große Aufregung. Der Stab gibt Befehle durch.

Nikolai Rausch von Traubenberg ist verzweifelt. »Sein Leben war zu Ende, kaum dass es angefangen hatte. Eine unsägliche Schwermut beschattete ihn; er meinte mit jeder Faser seines Leibes und mit jeder Faser seiner Sinne spüren zu können, dass er einen Krieg, wenn er kam, nicht überleben würde.« Solche Sätze in einem Roman lassen, wenn sie 80 Seiten vor Schluss erscheinen, ein unheilvolles Ende ahnen. Doch ihre Liebe hatten sie.

Eine Stelle hat mir, dem Radfahrer, viel bedeutet. Nikolai fragt seinen Vater: »›Aber was für ein Pferd soll ich nehmen?‹― ›Willst du nicht den Wagen? Wäre doch bequemer.‹ ― Seitdem ich reiten kann, kommt es mir so vor, als machte man sich mit einem Wagen ohne Gepäck unverschämt breit in der Schöpfung.‹ ― ›Du bist der geborene Kavallerist, nicht nur ein gelernter.‹«

 

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