Todo modo

Auf jede Art solle man spirituelle Exerzitien betreiben, immerzu, mahnte Ignatius von Loyola (1491-1556), der Jesuit. So ist auch Todo modo (auf jede Art) gemeint, Titel eines kleinen, 1974 veröffentlichten Kriminalromans des Sizilianers Leonardo Sciascia (1921-1989), der eine Weile meine Lektüre war. Das Büchlein hat nur 124 Seiten, ist aber anspruchsvoll, gedanklich wie auch sprachlich.
Wir bekommen einen bizarren Schauplatz geboten, ein Treffen von Politikern und Wirtschaftsbossen, geleitet von einem Priester, wobei drei Morde geschehen, die nicht aufgeklärt werden, und zu dem offenen Ende hin führen knappe, gehaltvolle Dialoge mit geistreichen und geistesgeschichtlichen Anspielungen. Man muss selbst mitdenken, zurückblättern, spekulieren und sich ein Urteil bilden.

Der Leser muss mittun. Das Geheimnis muss er selbst ergründen, es steckt in den Seiten. Schätze, die einem bei der Lektüre so zufallen, sind keine; Lösungen, die am Ende daliegen wie das Ergebnis einer Rechenaufgabe, sind kein aufgedecktes Geheimnis. Man tut den Lesern keinen Gefallen, wenn man es ihnen zu einfach macht. Die Leser wollen es aber einfach haben, darin sind sie wie die Kinder. Das Verlagswesen hat nachgegeben und gibt ihnen einfache Bücher. Und alle sind glücklich. Die einen verdienen gut, die anderen werden nicht überfordert.

Aber immer lösbare Aufgaben, das kann langweilig werden. Es geht um die Herausforderung, die man anscheinend überall will, nur nicht im Geiste. Aber lassen wir das.

In dem Buch Todo modo stößt ein 40-jähriger bekannter italienischer Maler auf das Schild zu einer Eremitage und fährt hin. Er bekommt gesagt, dass am Wochenende in dem Hotel, zu dem die Eremitage umgebaut wurde, spirituelle Exerzitien stattfinden würden unter Beteiligung vieler bekannter Persönlichkeiten. Der Priester Don Gaetano lässt den Maler dableiben und teilnehmen, und zwischen beiden entsteht eine Art Kumpanei, ein Einverständnis. Ihre Treffen werden zu einem Art intellektuellen Duell. Gaetano gibt sich als der zynische, rationale und realistische Jesuit, der die Ansicht vertritt, es sei alles erlaubt, alles zugelassen; der Maler als sein Widerpart ist der Romantiker und Mysteriker, der Gut und Böse fein säuberlich trennt (was Don Gaetano nicht tut, der Relativist) und gar meint, die Kirche müsse das Gute verfechten …

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Beim Aufsagen des Rosenkranzes im Hof, als die Teilnehmer in einer Art Quadrat vorrücken, hört man einen Schuss. Ein Mann ist leblos liegengeblieben, der Chef einer großen Wirtschaftsbehörde. Die Polizei tritt auf und ermittelt. Der Teilnehmer des Rosenkranzes, der etwas dazu sagen konnte, stürzt am nächsten Tag aus dem vierten Stock des Hotels und bleibt tot liegen. Der Maler (und Erzähler) besucht Don Gaetano, der ihn bittet, einen leidenden Christus für ihn zu fertigen. Sie unterhalten sich.

Am nächsten Tag ist Don Gaetano tot, erschossen, liegt wie gekreuzigt im Hof des Anwesens. Nur drei Männer kommen in Frage. Der Maler sagt zum obersten Ermittler, er zum Beispiel, er sei hinausgegangen, um Gaetano umzubringen. »Da haben wir es ja!« ruft der Ermittler aus. »So absurd ist das. Wir brauchen das Motiv!« Augenscheinlich glaubt er dem Maler nicht, wobei dem Leser schwant, dieser habe die Wahrheit gesagt.

Das Buch endet mit einer Seite aus dem Roman In den Verliesen des Vatikans von André Gide. Da erwähnt ein Kleriker, der Papst sei ein falscher, und könnte es bicht auch einen anderen, falschen Gott geben? Der Leser ist ratlos wie die Ermittler. Aber er erinnert sich an den Dialog zwischen dem Maler und Gaetano, der sagte, man müsse zerstören, zerstören … Irgendwie wirkt der Priester wie der Antichrist, der Maler hat vermutlich göttliche Gerechtigkeit ausgeübt, auch wenn wir immer noch nicht wissen, wie die beiden vorherigen Opfer ums Leben kamen. Die Gnosis, die die Christen für Ketzertum hielten, hat immer behauptet, ein Demiurg habe dem guten Gott die Sache aus der Hand genommen und die Welt erschaffen – deshalb sei die Welt böse.

Gaetano hat die Morde sicher nicht begangen. Er hat die Prominenten bei den Exerzitien aufeinander gehetzt und wollte vielleicht beobachten, wie sie sich zerfleischen; das würde zu ihm passen. Der Maler macht ihn zum gekreuzigten Christus; weil er mit den Kategorien Gut und Böse arbeitet, ist Don Gaetano für ihn eine dunkle Gestalten. Doch damit bestätigt er die Gesellschaftsordnung, die Gaetano vielleicht zerstören wollte, und entpuppt sich als romantischer Konservativer. Damals, 1974, wirkte die italienische Herrschaftsschicht zerrüttet und verrottet, und wenn man an die Attentate und Anschläge von Links und Rechts der Jahre danach denkt (Bologna 1980, Rapaci 1992), ist Todo Modo ein Buch, das die Konflikte vorwegnimmt.

 

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