#30 Freundschaft

Seit seiner Gründung bespricht manipogo regelmäßig die Hefte der Kritischen Ausgabe aus Bonn, die von Germanistik-Studenten gemacht wird. Diesmal fand ich # 30 Freundschaft (also das 30. Heft) in meinem Briefkasten vor und eile, einen Beitrag darüber zu verfassen. Lese somst keine Zeitschriften, aber die schon.

Gerade kam der Film Max Frisch, Citoyen von 2008 im Fernsehen, und bei seinem letzten Auftritt sagte der alte Frisch, das meiste im Leben sei belanglos, abgesehen von der Freundschaft, und diese vier Wörter habe er in seinem Manuskript extra unterstrichen.

Das 140 Seiten starke Heft kostet 6 Euro, das Editorial kommt von Fabian Beer und Michael Preidel, und der Autoren sind viele. In der Abteilung Forschung treten uns Aufsätze über Brecht, Reich-Ranicki, Kafka und Mörike entgegen, und in den anderen Rubriken werden Autorinnen und Autoren behandelt, von denen ich nie etwas gehört, geschweige denn gelesen habe.

Vermutlich sind sie aber renommierte, gern gelesene Leute. Es geht um Michael Köhlmeier, Thomas Kling, Thomas Glavinic, Daniel Kehlmann (den Namen hab ich schon mal gehört), Christoph Wentzel, Andreas Neumeister, Adam Soboczynski, Christoph Poschenrieder, Maria Lazar. Originaltexte stammen von Lukas Herrmann, Crauss, Philipp Kampert, Lothar Kittstein, Hazel Rosenstrauch und Johannes Witek.

Spontan würde ich gern den Beitrag von Anne D. Peiter lesen: »Mir geht es immer gut.« Frauenfreundschaften im Pflanzenzuchtkommando des Auschwitzer Nebenlagers Rajko.Tu ich noch.

32 Stundenglas fu¦êr VerliebteFaktisch las ich als erstes von Martin Voigt Voll Hübsch Süße! ― danke mein schatz du aber auch ♥. Zur emotionalisierten Sozialkompetenz in online vernetzten Mädchengruppen.Hierzu gibt es medientheoretische Studien. 5000 Profile und Einträge in Gästebüchern von Onlinenetzwerken wurden schon 2003 und 2006 erhoben. Die Ergebnisse stellt Martin Voigt, der mit dem Thema in München promovierte, stringent und klar vor. Ein wenig Übersetzungsarbeit ist zu leisten, aber nicht zu viel. Ein Fazit Voigts lautet:

Vielmehr hat das öffentlich inszenierte soziale Ranking in den Mädchencliquen viertuell vernetzte Peergroups für einen Anpassungsdruck und ein emotionalisiertes Übertrumpfen gesorgt. Der Kult um die eigene Person und die von einer besten Freundin abhängigen Selbstbilder haben sexualisierte Standardisierungen hervorgebracht, deren serielle Bild- und Textmuster Auskunft über die psycho-soziale Konstitution von Mädchen im Alter von 12 is 16 Jahren geben.

5»Schüchterner Flirt und süße Unschuld in koketter Personalunion sind das vorherrschende Motiv auf den Selfies der Mädchen«, erkennt der Forscher. Ist alles ganz normal. Interessant ist die Aussage, die Phrase ich liebe dich sei bis zum Jahr 2000 in Verbindung mit einer besten Freundin noch außergewöhnlich gewesen, doch »wenige Jahre später gehört sie zum Repertoire«. Voigt schreibt auch: »Die Verinnerlichung emotionaler Interaktionsmuster dringt tief.« Die häufige Erwähnung von Liebe  sei durchaus authentisch. Daran zeigt sich aber auch, meine ich, eine Überhitzungstendenz in der Gesellschaft, eine Inflation der Begriffe, die man durchaus kritisch sehen darf.

(Illustrationen: Bilder von Rolf Hannes)

Früher besprochene Hefte der Kritischen Ausgabe:
# 23 Geld
# 24 Architektur
# 25 Jetzt
# 26 Ende
# 27 Arbeit
# 28/29 Glaube

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