Das Elend mit dem Reißverschluss

Der Reißverschluss sollte eigentlich Ziehverschluss heißen, denn reißen sollte man nicht am Läufer. So sinnvoll dieses Gerät, das unsere Kleider dicht macht, auch ist, so ärgerlich ist es auch. Das Elend mit dem Reißverschluss!

Wenn ich mit meiner 87-jährigen Mutter ausgehe, muss ich erst ihren Reißverschluss schließen. Sie hat Pullover, bei denen ist das unterste Glied defekt; geht nicht mehr zu, das Ding. Man muss sich bücken und in die Knie gehen, um den unteren Zapfen in die Führung zu kriegen. Das ist Millimeterarbeit. Alte Menschen haben immer Probleme mit dem Reißverschluss, der auch das ist, was an Jacken und Pullovern am ehesten kaputtgeht. Dann braucht man eine gute Schneiderin.

Ich kann mich erinnern, dass es mir als kleinem Schüler einmal gelang, den Verschluss ganz oben blockieren zu lassen. Die Lehrerin verzweifelte fast. Ich war in meinem Anorak gefangen. Konnte ihn nur noch über den Kopf ausziehen. Wenn nur ein Glied der vielen Glieder beschädigt ist, kommt es zur Havarie. Der Verschluss öffnet sich, das Kleid auch, und man muss den Haltegriff ruckartig Glied um Glied nach unten bugsieren. Manchmal klemmt man den Stoff ein, der mit verarbeitet ist. Den muss man wieder herauslösen.

Wieviele Menschen haben schon wegen ihres Reißverschlusses geflucht und ihn verflucht! Früher gab es Knöpfe. Das war mehr Arbeit, außerdem schlossen sie nicht so gut ab. Beim Radfahren pfeift dann der Wind durch. Der Klettverschluss ist auch keine Lösung. Das Geräusch ist so hässlich, wenn man ihn aufmacht. Ich glaube, „zip“ heißt er im Englischen, zip-fastener. Eigentlich eine geniale Erfindung. Eine Kette greift in die Aussparungen der Kette daneben, der Läufer klemmt sie fest und befreit die Glieder wieder. Eins greift ins andere.

Das hatte ich im April 2017 formuliert. Und nun fiel mir die Zeitschrift LandLiebe (Herrliberg) in die Hände, und ich las:

Es ist der Schweizer Martin O. Winterhalter, der den ersten modernen Reissverschluss baut, damit Millionen verdient und schließlich im Irrenhaus landet. Der Ostschweizer kauft 1923 dem US-Schweden Gideon Sundbäck für 100.000 Franken das Patent für Reissverschlüsse ab und entwickelt diese weiter, bis sie sich in Serienproduktion herstellen lassen. Fortan nennt er sein System Riri’s und gründet 1936 in Mendrisio TI einen ganzen Industriekomplex – den Hauptsitz der Riri AG.

Aus Wikipedia kann man noch hinzufügen, dass Martin Othmar (Petrus Notker waren seine weiteren Vornamen) Winterhalter 1889 in St. Fiden geboren wurde, einem Stadtteil von St. Gallen. Die Massenproduktion von Reißverschlüssen schadete seinem Unternehmen. Er blieb kinderlos und soll sein Vermögen verschleudert haben. Seine Geschwister ließen ihn entmündigen und in eine psychiatrische Klinik in Kreuzlingen einweisen, wo er noch zehn Jahre lebte, bis er 1961 starb. Das erinnert an unseren bayerischen Kini Ludwig II., der für seine Märchenschlösser märchenhafte Summen verbrauchte und gleichfalls in ein Irrenhaus eingewiesen wurde. Drei Jahre vor Winterhalters Geburt starb er im Starnberger See, 40 Jahre alt. Der Dichter Robert Walser war fünf Jahre vor Winterhalters Tod in der Psychiatrie gestorben, in Herisau.

 

 

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