Unterwegs in Karlsruhe

Räder wollen gefahren, Bücher gelesen  werden. Ich war ja so in Form und beschloss, in Karlsruhe die 100 Meilen abzustrampeln wie schon vier Mal zuvor (2007, 2009, 2010, 2012). Man sollte nur um sieben Uhr am Morgen mit seiner Karte am Start sein.

015Eine Runde umfasste einen 20-Kilometer-Kurs in Hufeisenform, meist schnurgerade durch den Wald, beschützt durch Blattwerk. Wenn das Rad in Schuss ist und sein Pilot gut drauf, fährt man eine Runde in einer Stunde, lässt sich bei drei Kontrollpunkten drei Stempel auf das Kärtchen drücken und zischt weiter. Um 12 Uhr hatte ich 100 Kilometer hinter mir, vertilgte das Mittagessen (ein Sandwich und einen Apfel), um bis vier Uhr die letzten drei Runden hinter mich zu bringen. Das Tollste war die letzte Runde, als ich schon 140 Kilometer gefahren war. Am Startpunkt, den ich zum siebten Mal aufsuchte, schlug mir ein Tscheche vor, mit einem jungen Landsmann zu fahren. »Dann seid ihr beide schneller«, sagte er, und das leuchtete mir ein. Tomàs hieß mein Begleiter, ein blasser, großgewachsener Junge, den ich auf 20 schätzte (er war aber erst 15), und er zog gleich los, und ich hatte einen schönen Windschatten. (Illustration: zwei Mitarbeiterinnen an einem Kontrollpunkt)

Nach der Hälfte ließ er etwas nach, und nun spannte ich mich vor. So ist das ja gedacht: Man wechselt sich bei der Führungsarbeit ab. Durch die Kilometer hinter ihm hatte ich so sehr Feuer gefangen, dass ich mich in einen wahren Rausch hineinsteigerte und mich nicht mehr bremsen konnte. Die letzte Runde war meine schnellste; in 45 Minuten brachte ich sie hinter mich, und Tomàs fiel weit zurück. Das ist das Wunder beim Radfahren: Die Psyche ist entscheidend, und wenn du im Flow bist, gibt dein Körper viel mehr her, als du für möglich hältst.

Kurze Pause auf der letzten Runde. Rechts Tomàs.

Kurze Pause auf der letzten Runde. Rechts Tomàs.

Am nächsten Tag war ich nicht mal müde. Einfach genial.

Schön war auch unsere Ausfahrt nach Ettlingen und Durlach, wobei viel Personal die Straßen absperrte. Da hatten wir tatsächlich das Critical-Mass-Gefühl wie in meinem neu aufgelegten Roman: Die Straßen gehörten uns, die Autos warteten.

Gestern und heute: Francois Cauderay auf einer Autobahnbrücke

Gestern und heute: Francois Cauderay auf einer Autobahnbrücke

Hier ist es: das Critical-Mass-Gefühl. Die Straße gehört uns!

Hier ist es: das Critical-Mass-Gefühl. Die Straße gehört uns!

Die Parade-Ausfahrt mit den allerschönsten Kostümen (und Con Camillo) fiel allerdings mit einer halben Stunde etwas kurz aus. Viele Zuschauer flankierten die Straßen, ich bremste beim Drehorgelmann und intonierte das Badner-Lied und hätte auch gern aus dem Gebetbuch gelesen, aber da waren wir schon wieder am Schloss. Auch ein Treffen mit dem Bürgermeister hätte ich schön gefunden. So hat man ein wenig das Gefühl, die Altradler verstecken sich, da heute alles Gegenwart ist und Zukunft. Doch zum Ausklang noch ein paar Impressionen von der guten, alten Zeit.

Laufräder-Parade vor dem Schloss

Laufräder-Parade vor dem Schloss

Don Camillo (wo ist Peppone?)

Don Camillo (wo ist Peppone?)

Drei italienische Teilnehmer. Der Mailänder in der Mitte könnte Peppone sein

Drei italienische Teilnehmer. Der Mailänder in der Mitte könnte Peppone sein

Die gute alte Zeit

Die gute alte Zeit (Foto von Michael Faiß, Tübingen)

 

Einen Kommentar schreiben:


8 + 4 =