Verdunklung

Manchmal glücken Fotografen außerordentliche Bilder. Michael aus Tübingen hat mir ein Foto zugesandt, das mit »stimmungsvoll« nicht gut beschrieben ist; es wirkt bedrohlich und beklemmend. Auch Lydias Foto aus Buenos Aires, zufällig auf mich gekommen, ist packend und erinnert an einen Film der schwarzen Serie in den 1930-er Jahren. Und noch ein paar dunkle Fotos, weil das auch Spass macht. Michael schrieb, er habe gerade ein Rennrad gereinigt, als er rötliche Strahlen über seiner Scheune entdeckte. Im letzten Licht machte er dieses »gigantische« Foto, das ihn fast erschrecken ließ. Es spiegle eine »ungeahnte Höhe« wider und ist in Richtung Wurmlinger Kapelle aufgenommen, über die Ludwig Uhland (1787-1862) geschrieben hat. O Vergänglichkeit. Dann Lydias Foto von oben hinein in die Gassen von Buenos Aires, das Foto Verdunklung ihres Vaters Helmut und eins von mir: Heiligengestalten in einer Kirche in der Steiermark. Danach erst etwas Text, damit die Bilder besser wirken.

Weilheimse_IMG_2897__Buenos-Aireskraemer_helmut_verdunklungDSCN0775Ludwig Uhlands Gedicht Die Kapelle:

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies‘ und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab.  

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal;
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir singt man dort auch einmal.

Das ist schwäbischer Sarkasmus, den Michael in ein Foto bannte.

Zu Buenos Aires muss man Jorge Luis Borges zitieren. Las Calles heißt sein Gedicht. Die Gassen von Buenos Aires sind seine Eingeweide; es sind nicht die ausgedehnten Straßen, sondern die kleinen, staubigen, lustlosen der Vorstädte. Sie sind für den Spaziergänger ein Versprechen (Son para el solitario una promesa), denn tausende einzelne Seelen bevölkern sie, vereint vor Gott und in der Zeit (únicas ante Dios y en el tiempo), und wertvoll sind sie.

Las calles de Buenos Aires
ya son mi entraña.
No las ávidas calles,
incómodas de turba y ajetreo,
sino las calles desganadas del barrio,
casi invisibles de habituales,
enternecidas de penumbra y de ocaso
y aquellas más afuera
ajenas de árboles piadosos
donde austeras casitas apenas se aventuran,
abrumadas por inmortales distancias,
a perderse en la honda visión
de cielo y llanura.
Son para el solitario una promesa
porque millares de almas singulares las pueblan,
únicas ante Dios y en el tiempo
y sin duda preciosas.
Hacia el Oeste, el Norte y el Sur
se han desplegado –y son también la patria– las calles;
ojalá en los versos que trazo
estén esas banderas.

Zum Bild Verdunklung fällt mir Andreas Gryphius (1616-1664) ein, in dessen Werk es schwer fällt, ein kurzes und einigermaßen hoffnungsvolles Gedicht zu finden. Vielleicht das, Über die Geburt des Herrn Jesus:

Wilkommen süße Nacht / die du des Tages Last /
Und des Gesetzes Joch gantz on uns weg genommen:
Die du / in dem das Licht ist von dem Himmel kommen
An stat des Monden: Gott / der Sternen: Engel hat.

Zu meinem Foto noch einmal Tomas Tranströmer, Der Adlerfels:

Bakom terrariets glas
reptilerna
underligt orörliga.

En kvinna hänger tvätt
i tystnaden.
Döden är windstilla.

I markens djup
glider min själ
tyst som en komet.

Eine Frau (en kvinna) hängt Wäsche auf in Schweigen. Der Tod ist windstill. In der Tiefe des Bodens (markens djup) gleitet meine Seele schweigend wie ein Komet (tyst som en komet).

 

 

 

 

 

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