Unter der steinernen Brücke

Ein Spätwerke von Leo Perutz (1882-1957) heißt Nachts unter der steinernen Brücke, spielt um 1600 in Prag und ist wunderbar mysteriös. Kaiser Rudolf II., der große Rabbi Loew, die schöne Jüdin Esther und andere Protagonisten werden in eine Handlung verwoben, die erst am Ende ihre Lösung findet. Phantastisch!

Das passt zum Lockruf des Phantastischen, den die Kritische Ausgabe plus in die Welt gesetzt hat, deren nächstes Heft #35 Fantasie heißen soll. Fantasy sei eine Unterkategorie der Phantastik, schreiben die beiden Autorinnen, und sie nennen E.T.A. Hoffmann, Michael Ende und Cornelia Funke. Bis 5. April können Exzerpte eingereicht werden, Redaktionsschluss ist am 20. Juni dieses Jahres. Ich finde (und nicht nur ich), Leo Perutz gehört dazu.

Er war 1907 bei der Versicherungsgesellschaft Generali als Mathematiker angestellt, im selben Jahr, in dem Franz Kafka für sie in Triest arbeitete. Wie die Romane von Robert Musil, der die Mathematik auch liebte, sind auch die von Leo Perutz genial durchkomponiert. Igendwo stand, dass in Nachts unter der steinernen Brücke die Leser zuerst verwirrt seien und meinten, es handle sich um eine Novellensammlung (genauso war das bei mir!); erst danach finden die Texte zusammen, und erst im letzten Kapitel klärt sich alles auf.

Prag, eine Arbeit des Graveurs John Le Keux, 19. Jh. (Dank an die Library of Congress, Wash. D. C.)

Prag, eine Arbeit des Graveurs John Le Keux, 19. Jh. (Dank an die Library of Congress, Wash. D. C.)

Von 1918 bis 1928 schrieb Leo Perutz in Wien sechs erfolgreiche Romane und stand auch mit Brecht, Werfel und Musil in Verbindung. Dann starb seine geliebte Frau, er zog sich zurück, heiratete 1935 erneut, flüchtete vor den Nationalsozialisten mit der Familie nach Haifa und Tel Aviv, wo er schließlich blieb. Sein Buch über die Brücke kam 1953 heraus, aber der Verlag ging in Konkurs. Der Judas des Leonardo, Perutz‘ letzter Roman, erschien erst nach seinem Tod (alles aus der Wikipedia). Den will ich demnächst lesen.

Nachts unter der steinernen Brücke ist geheimnisvoll und tief, kein Vergleich zum Golem des Meyrinck. Die Gestalt des Kaisers Rudolf ist geschichtlich korrekt geschildert, die Atmosphäre im alten Prag kommt einem nah, und Geister treten auf, Engel und Zeichen am Himmel.

»Wenn der Abendwind über den Wellen des Flusses dahinglitt, schmiegte sich die Blüte des Rosmarins enger an die rote Rose«, schreibt Perutz als ersten Satz des Kapitels, das dem Roman den Namen gibt, und jemand »fühlte an seinen Lippen den Kuss der Traumgeliebten«. Als ich das las, hatte ich in der Nacht zuvor auch geküsst, und wie realistisch, wie echt sich das anfühlte! Dann war ich für das Buch gewonnen und musste es von Anfang an lesen.

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