Der Judas des Leonardo

Der Judas des Leonardo ist der letzte Roman von Leo Perutz (1882-1957), erschienen 50 Jahre vor dem Film The Da Vinci Code (mit Tom Hanks und Audrey Tautou), und Bindeglied ist Meister Leonardo da Vinci (1452-1519), der im Perutz-Roman ein Modell für den Judas seines in Planung befindlichen Letzten Abendmahls sucht. Judas: Er verriet Christus. Dante schickte ihn in die Hölle.

Am 4. Juli 1957 beendete Perutz seinen Roman, am 25. August starb er in Bad Ischl. Das Buch ist wiederum ein sorgfältig konstruiertes Werk, das man fast zwei Mal lesen müsste, um ihm gerecht zu werden. Das Jahr ist 1498, der Schauplatz Mailand. Leo Perutz schreibt bildkräftig und stilsicher wie der unvergleichliche Joseph Roth (1894-1939; Radetzkymarsch), und wie er kann Perutz auch legendenhaft und märchenhaft klingen. Man muss nicht viel verraten; es genügt, die Handlungslinien zu skizzieren und die wichtigsten Personen vorzustellen.

Darsteller eines Historienspiels in Barletta (2011)

Darsteller eines Historienspiels in Barletta (2011)

Messer (Meister) Leonardo soll für den Herzog von Mailand das Abendmahl malen. Das Werk ist schon weit gediehen, nur fehlt dem Künstler noch ein Modell in der Welt für den sich davonschleichenden Judas, diese wichtige Figur. Er sucht einen Menschen, dessen Niedrigkeit sich in seinem Leben zeigt und sich in seinen Gesichtszügen äußert. War Judas neidisch, geldgierig und boshaft? Hasste er alle Welt?

Ein Knabe hat eine Antwort für Leonardo: »Er [Judas] verriet ihn [Jesus], als er erkannte, dass er ihn liebte. Er sah voraus, dass er ihn allzusehr werde lieben müssen, und sein Stolz ließ es nicht zu.« ― »Ja. Dieser Stolz, der ihn Verrat an seiner eigenen Liebe begehen ließ, das war die Sünde des Judas«, sagte Messer Leonardo. (S. 24)

Damit ist das Motiv und das Thema auf dem Tisch. Nun tritt Joachim Behaim auf, ein 40-jähriger deutscher Viehhändler und ein schöner Mann. Er verliebt sich in Mailand in das Mädchen Niccola, das die Tochter des Geizkragens Boccetta ist, der Behaim noch die Summe von 17 Dukaten schuldet. Wenn’s ums Geld geht, ist Behaim gnadenlos. (»Hast du es gehört, er handelt mit allem«, flüsterte der Holzschnitzer dem Orgelmeister zu. »Er würde, wenn er es hätte, auch mit dem Blute Christi Handel treiben.« Das war aber schon zuviel verraten.)

Wichtige Gestalt noch: der zwielichtige, arme Poet Mancino, der ebenfalls Niccola liebt und den sich Perutz als den französischen Gangster-Poeten François Villon vorstellt, dessen Spuren sich irgendwo verlieren, der aber nach Mailand gelangen hätte können. Und natürlich Leonardo, der als der große Künstler dargestellt ist, der er war und immerzu in sein Skizzenbuch blickt. Als jemand übers Sterben spricht, antwortet er: »Sterben! Ich nenne es anders. Er hat sich stolzen Sinnes dem Ganzen wieder zugesellt und ist damit der irdischen Unvollkommenheit entronnen.«

Dann gibt er noch eine Erklärung ab.

Ich diene keinem Herzog und keinem Fürsten, und ich gehöre keiner Stadt, keinem Lande und keinem Reich. Ich diene allein meiner Leidenschaft des Schauens, des Erkennens, des Ordnens und des Gestaltens, und ich gehöre meinem Werk.

So hat man früher geschrieben, damals, als ich geboren wurde. Danach folgen die letzten sieben Seiten (204 hat das Buch), in denen Leo Perutz wieder zaubert und fabuliert. Schön, dass er uns immer ein glückliches Ende schenkt, dass die Guten nach allen Widerwärtigkeiten in Frieden leben können.

 

 

 

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