Was? Schon Dienstschluss?

Es gibt Bücher, die bekommt man geschenkt und schiebt sie ein und dann zu Hause in ein Regal. Da stecken sie unbeachtet, werden achtlos in Umzugskartons geworfen, dämmern an anderen Orten vor sich hin, und manchmal fällt einem eins in die Hände. Man liest darin herum und findet zwei Passagen, die einem gefallen. Nach dreißig Jahren!

Ich könnte also sagen, in meinem Fall habe das Büchlein spät im Leben seine Aufgabe erfüllt. Sein Leben war nur Potenzial und ein langer Schlaf. Aber manche wachen spät auf (ich auch). Nach 30 Jahren ist eine Botschaft zu mir gekommen; es waren natürlich Sätze, die mir damals noch nichts bedeutet hätten. Seit jeher schreibe ich vorn in ein Buch, wann ich es wo erworben habe oder wann es mir wer geschenkt hat.  

Das betreffende Büchlein heißt Lektüre zwischen den Jahren und ist nur so groß wie eine Hand. Vorn drin steht Klaus und Doris, 22.2.84. Genau also vor 29 Jahren. Müssen Klaus und Doris aus Radolfzell sein, die Künstler mit ihrer Galerie. 2008 habe ich sie zuletzt gesehen, bei einer Vernissage. In dem Geschenk von damals stehen Aussagen von Autoren zur Zeit: Augustinus, Thomas Mann, Marcel Proust.  Gut, 29 Jahre. Damals beendete ich gerade mein Studium, zwei Jahre später stand ich dann als Redakteur im Arbeitsleben, sieben Jahre danach nicht mehr, und danach lebt man eben. Andere sind schon früher von uns gegangen, und ich denke mir: Wie war es für sie? Wenn heute der Glockenschlag erklingt und es zu Ende sein sollte, wird man immer sagen: Was? Schon Dienstschluss? Hatte ja gerade angefangen. Doch das stimmt nicht. Das Leben ist lang und bietet unendlich viele Möglichkeiten.  

Von denen man nur wenige nutzt. Ich fahre in der Welt herum, und dann springen mir immer Situationen ins Bewusstsein, in denen ich mich nicht gerade ruhmreich verhielt; eher kläglich. Blöd, dass mir immer solche Episoden vorgespielt werden. Ich schüttele sie gleich wieder ab. Doch es bleibt der Eindruck: Toll war das alles nicht. Warum erinnere ich mich nicht an die großen Taten? Positiv denken ist so schwer.      

Da mag es einen dann beruhigen, dass andere das ähnlich gesehen haben. In dem Büchlein steht ein Gedicht von Kurt Tucholsky (1890-1935). Er war ein gefühlvoller Mensch, ein großer Satiriker und Melancholiker. Beides tritt oft zusammen auf. Er ging vor den Nationalsozialisten nach Schweden, aber da war er unglücklich, und dort nahm er sich das Leben. Ich erinnere mich an eine seiner Geschichten: Er sitzt in einem Hotelzimmer und grübelt, beschwört die Situationen herauf, wo er versagt hat und sagt das, was er sagen hätte sollen. Tucholsky hat wohl oft Bilanz gezogen. Nun das Gedicht: 

Wenn ich jetzt sterben müßte,
würde ich sagen:
»Das war alles?«
Und: »Ich habe es nicht so
richtig verstanden.«
Und: »Es war ein bißchen laut.«

Rätselhaft, dieser letzte Satz. Aber sogar Goethe schien zehn Jahre vor Ende seines Lebens nicht so ganz zufrieden. In seiner Selbstbiographie, 1823 geschrieben, zitiert er Cellini, der meinte, mit vierzig Jahren müsse man anfangen, sein Leben aufzuzeichnen. Goethe bejaht und ergänzt, wir müssten noch nahe genug an unseren Fehlern und Irrtümern sein, um sie liebenswürdig zu finden und uns mit ihnen abzugeben. Dann aber: 

»Rücken wir weiter ins Leben hinein, so gewinnt das alles ein anderes Ansehn und man kommt zuletzt beinahe in den Fall, wie jener Geometer nach Endigung eines Theaterstücks auszurufen: was soll denn das aber beweisen?« 

 

 

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